Ein Cello und ein Akkordeon. Auf dem Papier scheint es vielleicht nicht die naheliegendste Kombination für Musik von Bach, Rameau und Vivaldi zu sein. Wer Polaris hört, fragt sich bald, warum eigentlich. Pierre Fontenelle und Frin Wolter lassen beide Instrumente so selbstverständlich miteinander verschmelzen, dass die ungewöhnliche Besetzung bereits nach wenigen Minuten kaum noch als ungewöhnlich empfunden wird. Bogenstrich und Balg erweisen sich zudem als überraschend ähnlich: Beide können atmen, singen, flüstern und Kraft entfalten. Genau diese Verwandtschaft bildet den Ausgangspunkt dieser besonders gelungenen Neuaufnahme von Duo Kiasma.
Fontenelle und Wolter bilden Duo Kiasma seit 2016 und haben sich nie viel aus stilistischen Grenzen gemacht. Ihr Repertoire umfasste im Laufe der Jahre Arrangements und Transkriptionen unter anderem von Bartók und Gluck, aber auch Musik von Ennio Morricone und Daft Punk. Allmählich kam Barockmusik immer deutlicher in ihren Fokus. Mit Polaris bekommt diese Entwicklung einen klaren Platz in ihrer Laufbahn. Bach, Rameau und Vivaldi fungieren als die drei wichtigsten Orientierungspunkte, ergänzt durch einige überraschende Ausflüge, die zeigen, dass das Duo seinen Sinn für Abenteuer unterwegs keineswegs verloren hat.
Die dritte Englische Suite in g, BWV 808, von Johann Sebastian Bach eröffnet die CD und nimmt gleich einen beachtlichen Teil davon ein. Es ist eine gewagte Wahl, denn Musik, die so stark mit dem Klavier verbunden ist, muss in dieser Besetzung neu durchdacht werden. Duo Kiasma versucht dabei glücklicherweise nicht, ein Cembalo nachzuahmen. Fontenelle und Wolter suchen nach dem, was Cello und Akkordeon selbst der Musik hinzufügen können. Das Akkordeon kann mehrere Stimmen gleichzeitig tragen und gibt der Polyphonie eine klare Form, während das Cello Linien hervorheben, färben und zum Klingen bringen kann. Dadurch entsteht ein Bach, der vertraut klingt und gleichzeitig aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet wird. Besonders in den langsameren Passagen kommt die atmende Qualität beider Instrumente wunderbar zur Geltung, während in den schnelleren Tanzsätzen die rhythmische Beweglichkeit und das ausgezeichnete Verständnis zwischen beiden Musikern auffallen.
Danach macht Polaris einen bemerkenswerten Sprung zu Heitor Villa-Lobos. Die berühmte Arie aus Bachianas Brasileiras Nr. 5 bildet den Ausgangspunkt für eigene Variationen des Duos. Das ist ein besonders gut gewählter Wendepunkt im Programm. Villa-Lobos selbst blickte auf Bach aus einer ganz anderen Zeit und musikalischen Kultur. Fontenelle und Wolter setzen diese Bewegung sozusagen fort und führen das Material weiter ins einundzwanzigste Jahrhundert. Was als eine der bekanntesten Melodien von Villa-Lobos beginnt, entwickelt sich allmählich zu etwas ganz Eigenem, mit letztendlich sogar einer ordentlichen Portion Energie aus der Rockmusik. Es funktioniert, weil es sich nirgends wie ein von außen aufgeklebter Effekt anfühlt. Es ist vielmehr ein freier Umgang mit bestehendem Musikmaterial, ganz im Sinne eines Duos, das Arrangement und Umkomposition zu einem wesentlichen Teil seiner Identität gemacht hat.
Mit Jean-Philippe Rameau kehrt Polaris anschließend ins achtzehnte Jahrhundert zurück. Les Tendres Plaintes aus Zoroastre, Lieux funestes aus Dardanus und Air vif sowie Entrée de Polymnie aus Les Boréades bieten reichlich Gelegenheit, die Farbmöglichkeiten von Cello und Akkordeon zu erkunden. Hier beweist besonders Wolter, wie verfeinert ein Akkordeon klingen kann, wenn das Instrument nicht als Ersatz für ein anderes Tasteninstrument behandelt wird. Der Balg ermöglicht subtile dynamische Schattierungen, während Fontenelle sich mit einem warmen und geschmeidigen Cellotone daran bewegen kann. Die lyrische Seite von Rameau bekommt reichlich Raum, ohne dass die tänzerische Eleganz seiner Musik verloren geht.
Auch die Sonate für Cello und Basso continuo in e, RV 40 von Antonio Vivaldi scheint fast für diese Kombination gemacht. Hier befindet sich das Cello natürlich viel näher bei seiner ursprünglichen Rolle. Fontenelle kann das Cantabile-Charakteristikum seines Instruments voll nutzen, während das Akkordeon der Continuo-Partie eine ganz eigene Färbung gibt. In den Largo's kommt der gemeinsame Atem beider Instrumente besonders schön zur Geltung. Die Allegro's zeigen dann eine andere Seite des Duos: lebendig, scharf reagierend und rhythmisch wach. Die Musik gewinnt an Fahrt, ohne gehetzt zu wirken.
Nach Bach, Villa-Lobos, Rameau und Vivaldi endet die CD mit Danny Boy. Das bekannte irische Lied scheint auf den ersten Blick vielleicht ein Außenseiter zu sein, aber als Abschluss funktioniert es ausgezeichnet. Die Melodie eignet sich selbstverständlich für die sangliche Qualität des Cellos, während das Akkordeon ein Instrument ist, das wie kein anderes mit Volksmusik, Erinnerung und Melancholie verbunden ist. So bekommt das Album am Ende eine einfache, menschliche Unmittelbarkeit. Nach all der Erfindungsreichtum der vorherigen Arrangements zeigt sich, dass Fontenelle und Wolter auch mit einer Melodie, die fast jeder kennt, noch etwas Persönliches erzählen können.
Das ist letztendlich das große Verdienst von Polaris. Diese CD will nicht beweisen, dass man Barockmusik auch auf Cello und Akkordeon spielen kann. Dafür klingt alles viel zu selbstverständlich. Duo Kiasma nutzt die besondere Kombination seiner Instrumente, um Musik, die wir oft in ganz anderen Besetzungen hören, neu zu betrachten. Dabei bleiben Fontenelle und Wolter nah genug bei den Partituren, um ihren Charakter zu respektieren, nehmen sich aber genug Freiheit, um als Musiker selbst darin präsent zu sein. Ihr Spiel ist virtuos, wo es nötig ist, aber Virtuosität wird nirgends zum Selbstzweck. Viel wichtiger sind ihr Sinn für Farbe, Phrasierung und gegenseitigen Dialog.
Auch die Aufnahme trägt dazu bei. Polaris wurde vom 16. bis 18. Februar 2026 im Trifolion in Echternach aufgenommen, mit Denis Guerdon verantwortlich für künstlerische Leitung, Aufnahme, Schnitt, Mischung und Mastering. Cello und Akkordeon erhalten jeweils ausreichend Platz und Detail, während sie zusammen eine Klangwelt bilden.
Die physische Ausgabe bei Cypres ist fertiggestellt. Die CD sitzt in einem aufklappbaren Kartonumschlag und wird von einem Booklet mit Fotos und Informationen über Duo Kiasma, Pierre Fontenelle, Frin Wolter und die Musik begleitet. Die Gesamtspieldauer beträgt 54:40 Minuten. Polaris, Katalognummer CYP1693, erscheint am 18. September 2026.
Der Titel ist gut gewählt. Der Polarstern diente jahrhundertelang als Orientierungspunkt für Reisende, und auch für Duo Kiasma scheint Polaris eine Ortsbestimmung zu sein: Nach zehn Jahren gemeinsamen Musizierens zeigen Fontenelle und Wolter, wohin ihr musikalischer Kompass sie bisher gebracht hat. Das erweist sich als ein Ort, an dem Bach und Vivaldi sich überraschend heimelig neben Villa-Lobos und Danny Boy fühlen, und an dem Cello und Akkordeon keine merkwürdige Kombination mehr sind, sondern einfach zwei Instrumente, die zusammen atmen.
Polaris ist daher viel mehr als ein gelungenes Experiment mit einer ungewöhnlichen Besetzung. Es ist eine erfinderische, warme und besonders musikalische CD, die vertrautes Repertoire in ein anderes Licht setzt und gleichzeitig neugierig macht, wohin Duo Kiasma als nächstes reisen wird.