Toen ik deze Aufnahme zum ersten Mal hörte, hatte ich sofort das Gefühl, dass wir es hier mit einem wahren Juwel zu tun haben. Nicht nur für die eingefleischten Anhänger von The Tallis Scholars, sondern ebenso für Liebhaber prachtvoller Polyphonie und im Besonderen für Fans von Claudio Monteverdi. Der Anlass für dieses Konzert in der berühmten San Marco in Venedig am 14. Juli 2017 war immerhin nicht der geringste: der 450. Geburtstag von Monteverdi. Und ehrlich gesagt, wer träumt nicht davon, an diesem für die Musik so heiligen Ort in den Bänken zu sitzen? Ich sehe das Publikum dort vor Ort förmlich atemlos unter den imposanten Gewölben lauschen.
Dass die zehn Sänger von Peter Phillips über eine seltene Klasse verfügen, braucht schon lange keiner Erörterung mehr. Da es sich um einen rein vokalen Abend handelte, rückte das Ensemble nahezu ausschließlich die prima pratica aus Monteverdis Schaffen in den Mittelpunkt. Man nehme etwa die wunderschöne Messa a quattro voci da cappella: mit dem großartigen Kyrie, in dem Tempo und Spannung immer wieder gesteigert werden. Und weiter das gewaltige Cantate Domino, in dem sich die Stimmen scheinbar mühelos und präzise durch den Raum schlängeln. Nirgends hat man das Gefühl, es sei zu viel oder zu wenig; am Gesang lässt sich schlichtweg kein Makel feststellen. Erstklassige vokale Handwerkskunst.

Was den Abend und diese CD allerdings wirklich fesselnd macht, ist die Art und Weise, wie Phillips die Musik weiterer Meister rund um Monteverdi eingewoben hat. Wir hören die leichte, schwebende Polyphonie von Palestrina und natürlich das Miserere von Allegri – ein Werk, das The Tallis Scholars im Schlaf beherrschen. Lotti sorgt mit seinen verschiedenen, reibenden und dissonanten Crucifixi für die nötige Spannung.
Die eigentliche Überraschung liegt jedoch im Sprung zu den moderneren Klängen. Neben der eisig schönen, reduzierten Schlichtheit von Arvo Pärt bot das Ensemble Raum für die Musik von Komitas. Dieser armenische Meister war für mich eine Entdeckung innerhalb dieses Programms, und ich vermute, dass viele Hörer dieses Albums dieselbe Erfahrung teilen werden. Sowohl Surp-Surp als auch Sirt im sasani durchschneiden den Raum und verleihen zusammen mit Pärt dem Ganzen eine unerwartete, tief spirituelle Dimension, die in schönem Kontrast zu den italienischen Meistern steht.
The Tallis Scholars zeigen sich auf dieser Aufnahme erneut als die absoluten Meister ihres Genres. Es ist eine Interpretation, in der die Akustik von San Marco als vollwertiges Instrument eingesetzt wird. Ein glänzendes Dokument eines denkwürdigen Abends, das man zudem auch auf der Blu-ray-Aufnahme anschauen kann.