Wenn es um die Klavierwerke von Chopin geht, hat jeder Liebhaber seine eigenen Vorlieben, was gleichzeitig bedeutet, dass jeder Neuling daran gemessen wird. Was allein die Dritte Klaviersonate betrifft, kann die Diskografie sogar als überreich bezeichnet werden, was es noch schwieriger macht, wirklich begeistert von einem Neuling zu werden. Allerdings behauptet sich der französische Pianist Jonathan Fournel (*1993) durchaus. Viele werden sich zweifellos noch daran erinnern, was am Abend des Concours Queen Elisabeth 2021 geschah, als Fournel eine wirklich beispiellose großartige Solorolle in Brahms' Zweitem Klavierkonzert spielte. Und dabei zu bedenken, dass in diesem so denkwürdigen Wettbewerb ein Preisträger es noch nie geschafft hatte, mit diesem Konzert den Hauptpreis zu gewinnen. Und das im Kreis von fünf gefährlichen Konkurrenten, darunter nicht weniger als drei Russen (das war noch vor der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022, als sich danach schon bald alles diesbezüglich – auch im Kultursektor – plötzlich änderte). Fournel war darüber hinaus der erste Europäer seit achtzehn Jahren, der den Wettbewerb gewann.
Auch sein ebenfalls bei Alpha erschienenes Brahms-Album (hier besprochen) durfte es sein, die Aufnahme datiert noch von einigen Monaten vor dem Wettbewerb. Es war damals schon klar: Fournel, ein Meisterpianist und eine große Hoffnung für die Zukunft.
So waren meine Erwartungen bezüglich dieser Dritten Sonate – und trotz des bereits erwähnten diskografischen „Überangebots" – ziemlich hoch gespannt. Würde er es noch besser oder möglicherweise anders machen als all seine berühmten Vorgänger? Das erweist sich als nicht der Fall, obwohl sein Spiel große Grandeur und eine schöne Kombination aus strukturorientiertem musikalischem Denken und – ob suggeriert oder nicht (der Hörer kann dies nie herausfinden) – intuitiv gesteuerte Ausdrucksfähigkeit in Phrasierung und Artikulation offenbart. Es sind diese fragilen Momente eines Akzents hier und einer Tempofluktuationen dort, die den Diskurs in einem anderen Licht erscheinen lassen, ohne dass im stilistischen Sinne wirklich von dem abgewichen wird, was wir von so vielen anderen etablierten Pianisten auf diesem Gebiet geleistet haben. Eigentlich wünschte man sich eine abenteuerlichere Programmgestaltung, obwohl dies nicht allein dem Musiker zuzuschreiben ist: auch das Label spricht hier ein gewichtiges Wort mit (dabei gilt die Verkäuflichkeit als oberstes Gebot).
Die beiden Klavierwerke von Szymanowski sind relativ weniger bekannt, aber auch in diesem Repertoire ist der Wettbewerb erheblich. Man denke nur an Krystian Zimerman, dem diese Musik wie auf den Leib geschrieben scheint. Aber gesagt werden muss, dass Fournel in den Variationen op. 10 Zimerman (hier besprochen) durchaus die Krone streitig macht. Es ist offensichtlich, dass Fournel in dieser Hinsicht besonders denkwürdige Interpretationen auf seinem Namen hat. Er lässt auch die Launenhaftigkeit, die Exotik und die Einflüsse von Chopin und Skrjabin auf diesen Klavierstücken von Szymanowski gut zur Geltung kommen.
Schade ist jedoch, dass die Aufnahme einen deutlich hörbaren Unterschied zwischen dem Flügelklang in Szymanowskis Werk (direkter) und in Chopins Werk (distanzierter) aufweist, obwohl dies auf einem elektrostatischen Kopfhörer auffälliger ist als über Lautsprecher. Die verfügbaren Aufnahmedaten geben keine Erklärung für dieses ziemlich merkwürdige Phänomen, denn alle drei Werke wurden zwischen dem 28. Oktober und dem 1. November 2023 in derselben akustischen Umgebung aufgenommen: im Théâtre populaire romand im Schweizer La Chaux-de-Fonds, unter anderem bekannt von den vielen (ausgezeichneten!) Philips-Aufnahmen, die dort seit Ende der fünfziger Jahre entstanden sind.