125 Jahre klassische Musik in der Koningin Elisabethzaal in Antwerpen: Das gewährt einen Einblick in die Vergangenheit der belgischen Musikkultur. Wenn wir darüber nachdenken, dürfen wir uns absolut nicht beklagen, denn bis heute können wir uns an einem großen Angebot erfreuen – von Oper bis Filmmusik. So klein wie wir als Land sind, so groß ist unsere Liebe zur (Musik-)Kunst. Um all dies zu feiern, brachten das Antwerp Symphony Orchestra, das Groot omproepkoor, das Laurens Collegium, das Octopus Kamerkoor, die Waelrant-Kinderchöre und zahlreiche Solisten eine einzigartige Produktion eines – leider – selten aufgeführten Werkes auf die Bühne: Peter Benoits De Oorlog (1869-1873). Dies unter der Leitung des Dirigenten Jac van Steen.
Flämische Klänge
Das Oratorium von Benoit kann man zumindest als monumental bezeichnen: mehrere Chöre – darunter ein Kinderchor –, ein Sinfonieorchester und Solisten. Was dieses Magnum Opus – zumindest für mich – einzigartig macht, ist, dass die Texte des flämischen Dichters Jan Van Beers darin fließend und schön zur Geltung kommen. Funktioniert Niederländisch als gesungene Sprache in der klassischen Musik? Das ist eine Frage, die ich als Musikwissenschaftlerin in den letzten Jahren schon mehrmals gehört habe. Dank De Oorlog kann ich diese Frage endlich beantworten: Ja, durchaus. Die Eleganz der vokalen Komposition Benoits ist nicht zu unterschätzen. Es ist eine szenische Abhandlung über den preußisch-österreichischen Konflikt von 1866 und den vorherigen amerikanischen Sezessionskrieg (1861–65). Konflikt, Gräueltaten, Leid und schließlich der Anfangs- und Endpunkt in Ruhe und Frieden verleihen dieser Komposition eine große Kraft und Tiefe.
Die Person Benoit
Peter Benoit (1834–1901) war ein flämischer Komponist und Musikpädagoge. Es sei kurz dem Stellenwert eines Komponisten des 19. Jahrhunderts gewidmet, in einer Musiklandschaft, die – das ist nun einmal Geschichte – bis heute stark international geprägt ist. Zwischen den italienischen, französischen und deutschen Opernkompositionen, die in Belgien ihre ersten Schritte machten, stand Peter Benoit als eine Art Figur der Verflämischung. Dieser Begriff (Verflämischung) hat heute einen ziemlich nationalistischen Beigeschmack, damals bedeutete er jedoch so viel wie die Musikkultur wieder zu uns selbst zurückzuführen. Benoit prägte nicht nur mit seinen Kompositionen, sondern auch mit seiner Lehre: Er wurde schließlich der erste Direktor des Königlich Flämischen Musikkonservatoriums in Antwerpen.
Benoits Krieg
De Oorlog ist eine belgische Komposition, hat sich stilistisch jedoch bei verschiedenen deutschen und französischen romantischen Musikströmungen bedient. Musikalisch war das 19. Jahrhundert wirklich eine wunderschöne Schmelzkultur aus Klang- und Kompositionsstilen! Das Ergebnis ist eine erzählende Komposition mit einer Masse an vokaler Kraft und einem Kollektiv von Streichern. Der umfangreiche Bassbereich – acht Celli und sechs Kontrabässe, wenn ich richtig gezählt habe – kündigte die donnernde Kraft an, die man erwarten durfte, sobald der musikalische Krieg begann.
Das Auffallende an der Qualität dieser Produktion war, dass alle auf einem gleich hohen Niveau waren. Alle Solisten waren hervorragend gewählt – kraftvoll, klangvoll und bis weit nach hinten im Saal hörbar. Ein kleiner zusätzlicher Applaus gebührt der Stimmkraft und Klangfarbe der Altistin Cécile van de Sant. Ein uhrwerksgleiches Vibrato kommt bei klassischen Sängern öfter vor (und das ist, aber das ist eine andere Diskussion, nicht immer wünschenswert), doch die Übergänge zu nicht immer einfachen Intervallen waren flüssig und eindrucksvoll. Die Chöre waren auf dem ersten Rang einander gegenüber im Raum platziert.
Die Frage war, ob dies ein Dialog oder ein Zweikampf werden würde – die Aufstellung schuf in dieser Hinsicht eine mehrdeutige Atmosphäre. Das Ergebnis war eher ein Ganzes, bei dem die verschiedenen Chöre zu mehreren Momenten Wiederholungen der Gedichte von Van Beers sangen. Weniger Kampf, mehr komplexe Klangfarben also. Dieser Rezensentin ist der Kinderchor etwas verloren gegangen, doch das kann auch einfach an den Plätzen gelegen haben. Soweit ich hören konnte, war es eine nette Zugabe, die Stimme der Jugend und Unschuld in die Kriegskomposition einzubeziehen. Die typischen Schlagzeug- und Blechbläsersektionen (Kriegsinstrumente) waren ebenfalls mit von der Partie.
Vorige Volgende
Dass diese Komposition selten aufgeführt wurde (25!), ist bedauerlich. Nach diesem Abend hofft diese Rezensentin jedenfalls, dass sie im Oratorienrepertoire einen häufigeren Platz erhält. Es ist eine ergreifende, romantische Komposition, in die man als Zuhörer hineingezogen wird. Und zu dieser Aufführung? Es bedarf eigentlich nur weniger Worte: Glückwunsch an alle!
WAS: De Oorlog (1869-73) von Peter Benoit.
WER: Jac Van Steen [Dirigent], Antwerp Symphony Orchestra [Orchester], Katrien Baerts [Solistin], Cécile van de Sant [Solistin], Frank van Aken [Solist], Lars Terray [Solist], Bastiaan Everink [Solist], Charles Dekeyser [Solist], Ivan Thirion [Solist], Groot Omproepkoor [Chor], Laurens Collegium [Chor], Octopus Kamerkoor [Chor], Meisjes Jeugdkoor Waelrant [Chor], Waelrant Kinderkoor+ [Chor].
WO: Koninging Elisabethzaal, Antwerpen.
WANN: Samstag, 26.11.2022.