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Rezensionen

Beethoven zum Tanz eingeladen von Ballet de l'Opéra de Lyon ...

V
· 5 Min. Lesezeit
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Beethoven zum Tanz eingeladen von Ballet de l'Opéra de Lyon ...

Yorgos Loukos, Direktor des Ballet de l'Opéra de Lyon, erdachte dieses einzigartige triple bill. Drei weibliche zeitgenössische Choreografinnen, drei Galionsfiguren aus der Tanzwelt mit vielen emotionalen, künstlerischen und intellektuellen Affinitäten, treten an, jede mit ihrer eigenen Einsicht, ihrem Gespür und ihrer Interpretation von 'Die Grosse Fuge, opus 133', dem Meisterwerk, das Ludwig van Beethoven 1825 komponierte.

Die Komposition hat eine große Anzahl unterschiedlichster Rhythmen mit expressiver Intensität. Wunderbare Musik für Choreografen, um damit zu arbeiten, und die inspiriert sie zu bildnerischen Strukturen. Der ästhetische Wert dieses triple bill ergibt sich aus den verschiedenen Interpretationen. Die Nabelschnur, die sie verbindet, ist Tanz. Wenn man an etwas glaubt, etwas gut kann, muss man auf dieser Linie bleiben, und das tun die Damen konsequent in all ihren Werken.

'La Grande Fugue op.133', Aufnahme 2016 Orchestre de l'Opéra de Lyon, Dirigent Bernhard Kontarsky – Choreografie: Lucinda Childs

Lucinda Childs (°1940, New York) schuf 2016 dieses Ballett für das Ballet de l'Opéra de Lyon. Dies im Alter von 76 Jahren zu leisten verdient Respekt. Für Bühnenbild, Licht und Kostüme zeichnete Dominique Drillot verantwortlich. Rechts im Hintergrund steht eine Art Paravent mit einem Schmetterlingsmotiv, das sich in bizarre Motive ausbreitet. Mit den Scheinwerfern darauf ergibt sich ein mysteriöses und diffuses Linienspiel. Dies kommt jedoch nur sehr spärlich zum Einsatz. Die Szene wirkt hellgrau, die Tänzer: sechs Paare, sind in hellblauem/hellgrauem Ton gekleidet und tanzen barfuß. Lucinda Childs ist für ihren Minimalismus bekannt. Diese Choreografie neigt mehr zum klassischen Ballett. Das Ganze entbehrt Atmosphäre durch die Farbgebung und die straffe Konstruktion mit Figuren, die regelmäßig mit leichten Variationen wiederkehren, wodurch eine gewisse Monotonie entsteht. Erst am Schluss stehen die Tänzerinnen in etwas wärmerem Licht, was das Ganze aufwertet. Diese Choreografie wirkt durch den bedachtsamen Ansatz eher langweilig, was der glänzenden Leistung der Tänzer keinen Abbruch tut.

'Die Grosse Fuge op. 133', Aufnahme 2006 Quator – Choreografie: Anne Teresa De Keersmaeker

Anne Teresa De Keersmaeker (°1960) ist die jüngste Choreografin des Ensembles. Sie leistete in den letzten Jahrzehnten bahnbrechende Arbeit mit ihrer Kompanie Rosas. Ihre Choreografie stammt von 1992 und steht seit 2006 auf dem Repertoire des Ballet de l'Opéra de Lyon. Das Bühnenbild ist völlig dunkel. Einige Glühbirnen senken sich aus dem Schnürboden nach unten. Die acht Tänzer, Männer und Frauen, sitzen wunderbar in einem schwarzen Anzug mit weißem Hemd. Eine Tänzerin stellt sich zentral auf und schöpft sofort mehr Emotion aus der Musik. Eine dynamische Ausführung, wie wir sie von De Keersmaeker gewohnt sind, sublim artikuliert in einer Verklärung der Musik und mit Bewegungen in unwiderstehlicher Vorwärtsbewegung. Diese Choreografie ruft Bilder lebenslustiger Kinder mit ungebändigter Energie hervor. Gehen, Hüpfen, Springen, Fallen und wieder Aufstehen in einer Aneinanderreihung horizontaler und vertikaler Spiralen. De Keersmaeker wagt es auch, sich Zeit zu nehmen, um Pausen einzubauen und den Fokus zu verlagern. Wie man im Französischen sagt: „Reculer pour mieux sauter".

Die Interpretation von Anne Teresa De Keersmaeker umfasst eine Kombination aus elementarer Kraft und sprühender Spontaneität. Das Tempo der Tänzer richtet sich nach den Konturen der expressiven Elemente in der Musik. Ihre Energie ist ansteckend. Die Beherrschung bleibt gewahrt und die Wirkung ist wunderbar. Bühnenbild: Jean-Luc Ducourt, Ausstattung und Licht: Joris Lamers, Kostüme: Rosas.

'Grosse Fugue op. 133', Aufnahme 1968 Quartetto Italiano - Choreografie: Maguy Marin

Choreografin Maguy Marin wurde 1951 in Toulouse aus spanischen Eltern geboren. Fünf Jahre nach der Kreation von 'Grosse Fugue' 2001 mit ihrer eigenen Kompanie wurde diese Studie von dem Ballet de l'Opéra de Lyon einstudiert. Diese Choreografin wählt, die vorhandene Beseeltheit in der Musik zunächst im Dunkeln während einer Minute intensiv auf das Publikum einwirken zu lassen. Wenn der Vorhang aufgeht, spurten vier Tänzerinnen in orangeroten Kleidern auf die Bühne. Ihre Ausgelassenheit stockt sofort, die Bewegungen gelingen nicht so gut. Der Antrieb ist da, wird aber nie vollendet. Sie versuchen, ihren Platz zu finden: tastend, holpernd mit hier und da einem Ausbruch. Sie beugen sich gewissermaßen unter ihr Schicksal und gehen verloren in der Welt. Mit Subtilität und Fantasie kommt Marin so der Tragik entgegen, die in dieser Komposition verborgen liegt. Durch eine empathische Interpretation dringt sie auf reichlich geschachtelte, tragikomische Weise zum Kern der Musik voller dramatischer Kontraste vor. Der Tanz ist zart, voller Ohnmacht, von einer poetischen Traurigkeit, die ergreift und manchmal auch ein Lächeln entlockt. Die Mädchen machen weiter, immer heftiger, wie in einer Art Delirium, bis sie zusammenbrechen. Eine Choreografie von virtuoser Finesse und bußfertiger Demut gegenüber der wunderbaren Musik. Kostüme und Licht: Chantal Cloupet.

Bei der Arbeit mit demselben musikalischen Material entstanden drei äußerst kontrastive Aufführungen, die von grenzenlosen Freiheit, Flexibilität und Improvisation zeugten. Der eigene Charme und die Dynamik jeder Aufführung machten dies zu einer fesselnden Inszenierung.


  • WAS: Ballett 'Trois Grandes Fugues' zu Musik von Ludwig Van Beethoven (1770-1827)
  • WER: Ballet de l'Opéra de Lyon
  • CHOREOGRAFIEN: Lucinda Childs, Anne Teresa De Keersmaeker und Maguy Marin
  • WO: deSingel, Antwerpen
  • WANN: Donnerstag, 8. Februar 2018
  • FOTOS: © Stofleth
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