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Rezensionen

Gedruckte Stimmung

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· 4 Min. Lesezeit
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Gedruckte Stimmung

Die russische Musik wird dieses Jahr während der Midis-Minimes Streichquartett-Woche gut bedient. Nach Prokofiev und Borodin gestern war es an diesem schwülen Donnerstag an der Reihe von Tchaikovsky. Das Rusquartet zeigte, dass sein Beitrag zum Genre weit über das inzwischen "zu Tode gespielten" Andante cantabile hinausgeht, konnte aber leider nicht durchgehend überzeugen.

Das Rusquartet hat eine innige Bindung zu den Benelux-Ländern. Das russische Quartett, am Moskauer Konservatorium ausgebildet, ist bereits seit mehreren Jahren ein Stammgast beim Orlando Festival in Kerkrade – das übrigens nächste Woche startet (9.-19. August). Hinzu kommt, dass ihre neueste CD mit Streichquartetten von Tchaikovsky in der Sint-Pieterskerk von Leut aufgenommen wurde – für das belgische Label Etcetera Records. Diese Aufnahme konnte sich einer gewissen Zustimmung erfreuen. In einer Rezension auf der Website Opus Klassiek heißt es wie folgt: "Das Rusquartet spielt sauber. Makellos sauber. […] Alles fällt an seinen Platz, alte schlechte Gewohnheiten haben frischen Ideen Platz gemacht. […] Dies ist eine CD, die faule Ohren wach rüttelt." 2008 gewann das Quartett in seinem Heimatland die achte Ausgabe des International Shostakovich String Quartets Competition. Trotz ihres Interesses an vielfältigem Repertoire steht für sie die russische Musik an erster Stelle, wie Primaria Xenia Gamaris im folgenden Video angibt. So auch heute. Mit dem dritten Streichquartett von Tchaikovsky fiel die Wahl auf ein Werk, das merkwürdigerweise nicht sehr oft aufgeführt wird.

Von Empathie umgeben

Könnte das vielleicht mit dem schwermütigen Charakter dieser Komposition zu tun haben? Tatsache ist, dass der 35-jährige Tchaikovsky das Stück Anfang 1876 als Hommage an den verstorbenen böhmischen Geiger Ferdinand Laub widmete, notabene derselbe Mann, der die Uraufführungen seiner ersten beiden Streichquartette geleitet hatte. Das Andante funebre e doloroso ma con moto bildet somit das traurige, aber zugleich auch unglaublich serene Herz der Musik. Zusammen mit dem Eröffnungsteil, einer jammernd wirkenden Einleitung (Andante sostenuto) gefolgt von einem mehrdeutigen Allegro moderato, bildet dieser dritte Satz den Schwerpunkt des Quartetts. Mitbedingt durch diese gedrückte Stimmung wurde das Opus 30 von dem französischen Musikologen André Lischke als Tchaikovskys 'quartetto serioso' bezeichnet, "[…] et cette dénomination beethovénienne se justifie pleinement par la profondeur et la densité de la partition. À tous points de vue, c'est le plus accompli et le plus homogène des trois […]." Das Rusquartet verstand es, die Zurückhaltung der ausgedehnten Einleitung prima zu erfassen, wobei jedoch bereits eine kaum verhüllte Leidenschaft zu hören war. In dem, was folgte, wurde ein durchgezogenes – oder besser gesagt – gestrichenes Spiel mit samtigen Pianissimo-Passagen abgewechselt. Das kam nur der Spannkraft zugute, wobei es auch Momente gab, in denen die Abstimmung im Ensemble etwas verloren ging. Besser zeitlich abgestimmt war das Allegretto vivo e scherzando, dessen flinkes Gepräge durch die präzisen Eingriffe jedes der Streicher schön zur Geltung kam. Während des eindringlichen Andante konnte man im Saal eine Stecknadel fallen hören. Und das ist natürlich immer ein gutes Zeichen. Würdevoll deklamierend, feierlich homophon oder wehmütig singend: fast jede Note war von Empathie umgeben. Darüber hinaus ließ das Quartett wunderschöne Klangfarben hören. Der Finale hingegen (Allegro non troppo e risoluto) erwies sich teilweise als Fehlgriff. Besonders das etwas groteske erste Thema entbehrte der Kohärenz, wodurch das musikalische Narrativ mehr als einmal stockte. Die Dichte der Partitur, für Lischke ein Trumpf, wurde hier leider nicht ausreichend verständlich gemacht.

Als Zugabe wagte sich das Rusquartet an das fingerflinke Finale aus dem ersten Quartett von Haydns Opus 33. Das Presto rauschte in rasendem Tempo vorbei, erwies sich aber als kein ungeteilter Erfolg. Flüchtigkeiten entstellten die – zugegeben – äußerst schwierige Partie der ersten Violine. Neben einer mangelhaften Intonation schlichen sich sogar einige falsche Töne in ihr Spiel ein. Nach dem Konzert sprach der stechende Blick der Altistin Bände. Während der Verbeugung konnte sich die Primaria noch ein nervöses Lachen erlauben. Aber so selbstkritisch wie Musiker sind, begann es wohl bereits zu dämmern, dass dies sicher besser sein konnte.


  • WAS: Pyotr Tchaikovsky (1840-1893), Streichquartett Nr. 3 in es (Opus 30)
  • WER: Rusquartet [Xenia Gamaris (Violine), Anna Yanchishina (Violine), Ksenia Zhuleva (Bratsche), Peter Karetnikov (Cello)]
  • WO: Königliches Konservatorium, Brüssel (i.R. des Festivals Midis-Minimes)
  • WANN: Donnerstag 2. August 2018
  • FOTO: © Evgeny Evtyukhov

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