Mit einem Programm von außergewöhnlicher Breite und Ehrgeiz eröffnet DE SINGEL die Saison 2026-2027 unter dem Motto Be Embraced. Der Bezug zu Schillers und Beethovens berühmtem "Seid umschlungen, Millionen!" aus der Neunten Symphonie ist vielsagend: es geht um mehr als einen Slogan. Künstlerischer und Generaldirektor Hendrik Storme wählt bewusst Verbundenheit als künstlerischen und gesellschaftlichen Ausgangspunkt – und dieser Gedanke klingt durch die gesamte Programmation hindurch.
In einem kulturellen Kontext, in dem viele Institutionen vorsichtig zwischen Publikumserwartungen und finanzieller Sicherheit balancieren, wählt DE SINGEL bemerkenswert entschlossen internationale Ambition, künstlerisches Risiko und inhaltliche Vielschichtigkeit. Das Antwerpener Kunsthaus positioniert sich erneut als einen Ort, an dem Disziplinen, Generationen und gesellschaftliche Perspektiven aufeinander treffen.
Das spiegelt sich auch in beeindruckenden Zahlen wider: 254 Aufführungen, 11 Weltpremieren, 30 belgische Premieren, 35 internationale Koproduktionen und sieben Festivals bilden zusammen eine Saison, die gleichzeitig großangelegte und kohärent wirkt.
Für den Musikliebhaber gibt es ganz besonders viel Grund zur Freude. Das klassische Musikprogramm verspricht eine Reihe unvergesslicher Abende. Yuja Wang kehrt in den Blauen Saal zurück, während das Czech Philharmonic unter der Leitung von Semyon Bychkov in der Reihe Symfonisch Goud auftritt. Für Liebhaber des großen sinfonischen Repertoires sind das ohne Zweifel Höhepunkte der Saison.
Besonders bedeutsam ist die Reihe Beethoven Kosmos, mit der DE SINGEL zweihundert Jahre nach Beethovens Tod dessen Musik erneut ins Zentrum stellt. Pygmalion und Raphaël Pichon bringen die Neunte Symphonie, während Kirill Gerstein und das Chamber Orchestra of Europe an einem Wochenende alle Klavierkonzerte von Beethoven aufführen. Wer dieses Wochenende besucht, erlebt auf einen Schlag das gesamte pianistische Erbe Beethovens – ein seltenes und beispielloses Unternehmen.
Eine absolute Premiere ist das Debüt der isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir auf der Bühne von DE SINGEL. Weltweit bekannt durch ihre preisgekrönten Soundtracks für Tár und Joker, erscheint sie zusammen mit BRYGGEN in Antwerpen. Damit bestätigt das Haus erneut sein Talent, internationale Künstler exklusiv nach Flandern zu bringen.
Eine weitere belgische Exklusivität ist die Jazzoper … (IPHIGENIA) von Wayne Shorter und esperanza spalding, die nur in DE SINGEL zu sehen und zu hören sein wird. Das Werk gilt international als eine der innovativsten Kreuzbefruchtungen zwischen Jazz, Oper und Performance der vergangenen Jahre – eine Produktion, die das Operngenre nicht nur aufbricht, sondern grundlegend neu durchdenkt.
Auch Minimal Music erhält einen prominenten Platz innerhalb der Saison. Während des Festivals Less is More stehen Philip Glass, Steve Reich und John Adams im Mittelpunkt – Komponisten, die mit minimalen Mitteln maximale Intensität zu schaffen verstehen. Wer ihre Musik kennt, weiß, dass "weniger" hier keineswegs ein Synonym für Bescheidenheit ist.
Das Klavierprogramm wirkt ebenfalls beeindruckend, mit einem durchdachten Mix aus etablierten Größen und jüngeren Stimmen. Neben der Grande Dame Elizabeth Leonskaja erhält auch die junge japanische Pianistin Hayato Sumino einen Platz im Blauen Saal. Diese Generationenkombination ist typisch für die breitere Vision von DE SINGEL: Tradition und Erneuerung werden hier nicht gegeneinander gestellt, sondern bewusst in einen Dialog gebracht.
Darüber hinaus setzt sich das Kunsthaus weiterhin für die Verwischung von Grenzen zwischen Genres und Besuchern ein. Unter dem Namen Pop+ treffen Tradition und Experiment aufeinander, während das Projekt RAVE-L – gemeinsam zur Boléro rasen – zeigt, wie klassische Musik heute zu einer physischen, fast rituellen Erfahrung werden kann. "If Ravel were still alive, he would be composing techno music", heißt es in der Programmation. Es ist eine Spitzfindigkeit, aber keine unsinnige.
Neben Musik nehmen Theater und Tanz erneut einen zentralen Platz ein. Romeo Castellucci taucht in Faust ein, William Kentridge kehrt mit Sibyl zurück und Julien Gosselin bringt eine düstere Reflexion über Kunst und Böses. Bemerkenswert ist auch die prominente Präsenz einer neuen Generation weiblicher Schöpfer, darunter Marion Siéfert, Carolina Bianchi und Caroline Guiela Nguyen.
Im Tanz bestätigt DE SINGEL seinen internationalen Ruf mit Werken von Christos Papadopoulos, Trajal Harrell und dem Kollektiv (LA)HORDE. Anne Teresa De Keersmaeker – seit Jahrzehnten heimisch – bringt sowohl ihr ikonisches Rosas danst Rosas mit einem vollständig neuen Ensemble als auch ihre neueste Kreation GLA55.
Die sieben Festivals sind dabei mehr als nur thematische Akzente: Sie funktionieren als inhaltliche Orientierungspunkte durch die Saison hindurch. Shifting Sounds untersucht, wie Kunst Formen von Protest und Widerstand sichtbar machen kann, während De nacht van de vertraging – in Zusammenarbeit mit Klara – versucht, eine Antwort auf die permanente Beschleunigung des öffentlichen Lebens zu formulieren. Mit Dear Antwerp richtet DE SINGEL den Blick explizit auf die Stadt selbst und auf die Frage, wie Zusammenleben heute innerhalb einer super-diversen städtischen Realität Gestalt annimmt.
Mit Be Embraced präsentiert DE SINGEL letztendlich nicht nur eine neue Saison, sondern vor allem eine ausgesprochene Vision davon, was ein Kunsthaus heute sein kann: ein Ort, an dem Begegnung, Reflexion und künstlerische Fantasie sich gegenseitig verstärken. In Zeiten, in denen Kultureinrichtungen zunehmend unter Druck stehen, sicher und erkennbar zu programmieren, wählt DE SINGEL bemerkenswert entschlossen internationale Allüre und inhaltliche Ambition. Das macht diese Saison nicht nur beeindruckend, sondern auch besonders notwendig.