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Rezensionen

Amerikanische Minimalisten: Triumph des Hörers

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· 5 Min. Lesezeit
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Amerikanische Minimalisten: Triumph des Hörers

Am vergangenen Samstag lag die Bühne von deSingel in den Händen von BL!NDMAN, ein Ensemble aus Streichinstrumenten, Saxophonen, Schlagzeug, Keyboard, Tubax und Elektronik mit einem Programm zu drei führenden amerikanischen Minimalisten, Philip Glass, Terry Riley und Steve Reich.

Diese drei Komponisten, alle über achtzig Jahre alt, kennen sich seit dem Ende der 1960er Jahre, als sie gemeinsam Atelierkozerte in der damaligen New Yorker downtown scene, Greenwich Village und SoHo gaben. Ursprünglich war ihr gemeinsamer Nenner eine tiefe Abneigung gegen die europäischen Modernisten und Avantgardisten des 20. Jahrhunderts, wie Pierre Boulez, Arnold Schönberg und Karlheinz Stockhausen. Glass betrachtete das Werk der Modernisten als „eine Wüste, beherrscht von Fanatikern, die versuchten, alle diese enge Musik schreiben zu lassen." Nach Glass war es an der Zeit, dass Experimente dem Vergnügen Platz machten. Das Publikum verdiente es, seine Stimme zurückzubekommen. Und Steve Reich sagte später in einem Interview mit The Guardian (2013): „Was meine Generation tat, war keine Revolution, es war eine Wiederherstellung von Harmonie und Rhythmus auf ganz neue Weise, aber sie brachte jene Essenzien zurück, die Menschen wollten (…). Jetzt leben wir wieder in einer normalen Situation, in der das Fenster zwischen der Straße und dem Konzertsaal offen steht."

Repetitiv

Der amerikanische Minimalismus ist eine Kompositionstechnik, bei der repetitive Prozesse auf äußerst begrenztes Musikmaterial angewendet werden. Weitere Merkmale sind: eine intellektuelle Neigung zur Systematik – eine merkwürdige Geste gegenüber den von Minimalisten gehassten Modernisten und Serialisten –, die Einführung außerwestlicher Musikstile (Reich: Gamelan, Glass: Indien) und die Zusammenarbeit mit anderen Kunstformen wie Theater. Innerhalb der Palette strukturierender Elemente setzen amerikanische Minimalisten Rhythmus über Tonalität, beziehungsweise Tonalität über Harmonie.

Bei Philip Glass (°1937) laufen diese Prinzipien auf eine kompositorische Suche mit Dreiklängen gleicher Dauer als wichtigste Bausteine hinaus. Es gibt keine musikalische Entwicklung oder Durcharbeitung, die Wiederholungsprozesse werden immer dynamischer und energischer. Dies kam am Samstag in Music in Contrary Motion gut zur Geltung. Der Titel bezieht sich auf das inverse Verhältnis zwischen der tiefen und der hohen Stimme, die zudem noch gespiegelt werden, gruppiert in vier oder fünf Noten. Das Stück ist in der „offenen Form" geschrieben, das heißt, es arbeitet nicht auf eine Schlusskadenz hin, sondern stoppt einfach. Glass' Respekt vor der Individualität jedes Instruments kam gut zur Geltung. Beginnend mit Keyboard (Fabian Coomans) wurde der Aufbau zum Tutti Schritt für Schritt entwickelt über Schlagzeug, Streicher, Saxophone und Tubax. Trotz der Sympathie, die Glass für den Zuhörer hat, kann er nicht widerstehen, diesen auf den Arm zu nehmen. Auf den ersten Blick wirkt dieses Stück wie eine Art Aufwärmung, aber erst nachdem es gestoppt hat, realisiert der Zuhörer, dass genau das die Essenz war.

© Philip Glass
© Philip Glass
© The Creative Independent
© The Creative Independent

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Steve Reich

Der Hauptteil des Konzerts wurde von Steve Reich (°1936) eingenommen. Nach dem kurzen Duett für zwei Marimbas Nagoya Marimbas, zwei Instrumente, die unvergleichliche Wärme und Freundschaft erklingen lassen, folgten drei längere Stücke. In Cello Counterpoint trat Cellistin Suzanne Vermeyen in Diskussion mit sieben Violoncelli, die zuvor auf Band aufgenommen wurden. Sie spielte energisch und spritzig, zudem wirkte es manchmal, als würde sie ein Ensemble anführen. Dann hatte der Zuhörer das Gefühl, dass sie ihre Mitspieler ermutigte, und mit Erfolg. Dies macht neugierig auf eine Live-Aufführung aller Cellepartien. Im folgenden New York Counterpoint für vier Saxophone und Elektronik führte das Saxophonquartett einen Dialog mit sich selbst. Reich nutzt hierin minimale Pulsverschiebungen, die letztendlich zu rhythmischen Kanons führen. Es gibt auch Jazzige Elemente zu hören, aber hierin zeigten die Musiker etwas weniger Geschmeidigkeit als von frühem Jazz erwartet werden kann.

© Dan Callister
© Robin Little

Tanzbar

Im Triple Quartet für vier Streicher wurden die Zuhörer mit einer Mischung aus aufpeitschender Rhythmik und Osteuropäischer Melancholie verwöhnt. Im für Reich üblichen Aufbau (schnell-langsam-schnell) ließen die Ausführenden hören, wie tanzbar pulsierende Rhythmen sein können. Das Stück war ein Fest für sowohl Zuhörer als auch Musiker. Wenn sie noch länger weitergegangen wären, wären die Gänge und die Bühne sicherlich von schwingenden Paaren gefüllt gewesen.

Auch Terry Riley (°1935) war anwesend, wenn auch bescheiden, mit dem Saxophonquartett The Tuning Path, einer Erkundung der reinen Tonleiter in gedehnten Akkorden. Die Intervalle beginnen kristallklar, die reizvollsten Teile sind die gegenseitigen Übergänge. Im Verlauf des Stücks würden sich Dissonanzen etwas mehr manifestieren, aber das kam in dieser Aufführung weniger zur Geltung. Es hätte gerne etwas mehr scheuern dürfen.

Den Abschluss bildete Music in Similar Motion von Philip Glass. Dieses Stück ist besonders, weil Glass einen Platz für Harmonie findet. Das Stück basiert auf wiederholten Phrasen, die sich langsam entwickeln. Das Werk beginnt mit einer melodischen Linie und fügt dann eine andere eine Quarte höher hinzu, dann wieder eine Quarte darunter und eine Basslinie. Es klingt einfach und übersichtlich, aber die Transformation, die die Musik dadurch durchläuft, ist genial und überzeugend. Auch dies ist als „offene Form" komponiert, fiel aber in der Aufführung etwas kurz aus.

WAS: ICONS, amerikanische Minimalisten

WER: BL!NDMAN

WO: deSingel, Antwerpen

WANN: 21. Januar 2023

AGENDA: Eine 3-CD Box „ICONS" (3 amerikanische Minimalisten) erscheint am 14. April 2023 bei Warner Classics.

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