Es gibt Aufführungen, die beeindrucken, und es gibt Aufführungen, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. Diese Live-Aufnahme von Gustav Mahlers Vierter Symphonie (1860-1911) mit Bernard Haitink, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Juliane Banse gehört ohne jeden Zweifel zur letztgenannten Kategorie. Was im November 2005 in der Philharmonie im Gasteig aufgezeichnet wurde und jetzt von BR-Klassik einzeln auf CD veröffentlicht wird, ist eine unvergleichliche, zutiefst ergreifende und einzigartige Interpretation, die den Hörer von der ersten bis zur letzten Note in ihren Bann zieht. Die Aufnahme war zuvor bereits Teil der elfgliedrigen BoxBernard Haitink Porträt Vol. 1, die BR-Klassik 2019 anlässlich von Haitinks neunzigsten Geburtstag veröffentlichte – eine Hommage an eine Zusammenarbeit mit dem BRSO, die bis 1958 zurückreicht. Jetzt, da Haitink nicht mehr unter uns weilt, erhält diese separate Veröffentlichung eine zusätzliche emotionale Bedeutung: Sie dokumentiert nicht nur eine glänzende Aufführung, sondern auch eine einzigartige künstlerische Zusammenarbeit, die für immer der Vergangenheit angehört.
Haitink bestätigt einmal mehr, warum er zu Recht zu den größten Mahler-Dirigenten der Musikgeschichte gezählt wird. Sein Ansatz atmet selbstverständliche Weisheit und seltene natürliche Autorität. Kein Effekthascherei, keine übertriebene Sentimentalität, sondern ein fehlerfreies Gespür für die Architektur des Werkes. Gerade weil Haitink nirgends Gewicht legt und die Musik vollständig aus sich selbst heraus sprechen lässt, ist die emotionale Wirkung umso größer. Jedes Tempo ist genau richtig gewählt, jeder Übergang klingt organisch und unvermeidlich. Mit einer Gesamtdauer von knapp 57 Minuten und einem Adagio, das gut zwanzig Minuten dauert, wählt Haitink bewusst ein großzügiges, kontemplatives Tempo – ohne je in die Länge zu ziehen. Er nimmt sich die Zeit, die die Musik braucht, und zeigt damit, dass Langsamkeit und Spannung sich nicht ausschließen müssen. So legt Haitink alle Schichten dieser Symphonie frei. Beim ersten Hören klingt sie transparent und idyllisch, aber in Wirklichkeit – Mahler wusste das selbst nur allzu gut – ist sie durchdrungen von Ironie und einem Humor, den nicht jeder sofort erkennt. Bereits im Eröffnungsteil spürt Haitink fehlerfrei, wie Mahler mit einem alten klassischen Verfahren spielt, das auch Haydn und Beethoven gerne anwandten. Kurz vor dem Ende des ersten Satzes erhält die berühmte Verzögerung des Hauptthemas genau die richtige Dosierung: subtil ironisch, aber nie aufdringlich oder karikaturistisch. Die verspielten Ironie, die unterschwellige Bedrohung, die kindliche Unschuld und die existenzielle Melancholie erhalten alle ihren angemessenen Platz in einer Interpretation, die tief unter die Haut geht. Der Hörer wird nirgends geleitet; alles scheint sich mit einer fast selbstverständlichen Logik zu entfalten. Darin liegt Haitinks wahre Meisterschaft.
Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks erweist sich dabei als mehr als kongenialer Partner. Die Transparenz der Holzbläser in den Anfangstakten, die phänomenale Geigensoloistinsolistin im grotesken Scherzo – wo der Tod, wie Mahler es selbst beschrieb, „schreiend und roh" auf einer verstimmten Fiedel spielt – , die seidenartige Wärme der Streicher im himmlischen Adagio und die vorbildliche Balance zwischen allen Orchestergruppen zeugen von einem Orchester, das auf höchstem Weltniveau musiziert. Der dynamische Aufbau ist vorbildlich: von den zartesten Pianissimi bis zu den majestätischen Höhepunkten behält das Orchester eine bewundernswerte Kontrolle, ohne je die emotionale Intensität zu verlieren. Besonders das Ende des dritten Satzes gehört zu den beeindruckendsten Aufnahmen auf CD: ein Moment von fast überirdischer Schönheit, in dem Zeit und Raum stillzustehen scheinen, und in dem sich die Pforte des Himmels, die in der Finale besungen wird, gleichsam öffnet. Selten klingt die Stille Ekstase dieses Adagios so selbstverständlich und zugleich so ergreifend.
Auch in der Finale beweist das Orchester seine außergewöhnliche Klasse. Die Begleitung atmet, färbt und unterstützt ständig die Gesangslinie, ohne sich jemals aufzudrängen. Jeder instrumentale Beitrag scheint genau an seinen Platz zu fallen, wodurch sich Mahlers wunderbare Klangwelt – jene eigenwillige Mischung aus himmlischer Unschuld und irdischer Vergänglichkeit ausDas himmlische Leben – in ihrer ganzen Fülle entfaltet.
Juliane Banse vervollständigt dieses Traumteam mit einer eindringlichen Interpretation dieser Finale. Ihr helles Sopran besitzt genau die richtige Mischung aus Unschuld, Wärme und Ausdruckskraft. Ihre Diktion ist vorbildlich, wodurch jede Textnuance verständlich bleibt, aber vor allem lebt sie ihren Text. Sie erzählt, malt und rührt an, ohne jemals zu überagieren – und gibt damit genau die doppelte Perspektive wieder, die dieses "Kind im Himmel" eigen ist: naiv an der Oberfläche, durchlebt im Kern. Banse besang das himmlische Leben nicht einfach; sie lässt den Hörer daran wirklich glauben. Ihre natürliche Musikalität macht diese Finale zu einer ergreifenden Krönung einer außergewöhnlichen Aufführung.
Dass diese meisterhafte Live-Aufführung nun einzeln auf CD erhältlich ist, kann ohne Übertreibung ein Geschenk für jeden Musikliebhaber genannt werden. Dies ist Mahler auf höchstem Niveau: tief empfunden, technisch unerreicht und musikalisch perfekt ausgewogen. Eine Aufführung, die nicht nur Bewunderung erzwingt, sondern die den Hörer auch nach dem Ende noch lange in Stille zurücklässt. Unverzichtbar für jeden Mahler-Liebhaber und ohne Zweifel eine Aufführung, die sich mühelos neben die größten Interpretationen von Mahlers Vierter auf CD reiht.





