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Klassik Zentral

Elisabeth Leonskaja: Zuhören als Verantwortung

Elisabeth Leonskaja ist keine Pianistin, die sich ihren Platz in der Musiklandschaft erkämpfen muss. Ihre Autorität ist still und konsequent gewachsen, getragen von einem Leben lang Arbeit mit Musik, die größer ist als jeder, der sie aufführt. Anlässlich ihres Recitals im Rahmen der Flagey Piano Days am Freitag, 13. Februar (",") sprachen wir mit ihr über Wahrheit in der Musik, über Interpretation und Grenzen, und darüber, was es bedeutet, sich immer wieder der Auseinandersetzung mit Werken zu stellen, die sich nie vollständig festhalten lassen.https://www.flagey.be/en/activity/12729-elisabeth-leonskajaKonzentration, die die Stille umarmt

Elisabeth Leonskaja

Foto: Marco Borggreve
Wenn sie die Bühne betritt, ist die Situation für sie klar. Im Saal sitzt das Publikum, auf der Bühne sie selbst – dazwischen nichts als Konzentration. Sobald die Musik erklingt, füllt sie nicht den Raum als Hintergrund, sondern wird die Musik selbst eine greifbare Wirklichkeit, die alle Sinne anspricht. Musik erfordert volle Aufmerksamkeit, von wer spielt und von wer zuhört.

Diese Aufmerksamkeit ist auch der Schlüssel zu dem, was Leonskaja „Wahrheit" in der Musik nennt. Diese Wahrheit liegt nicht im persönlichen Ausdruck, sondern im musikalischen Text selbst und in dem, was sich zwischen und hinter diesem Text verbirgt. Die Partitur enthält mehr als das, was notiert ist; sie trägt Schichten in sich, die nur hörbar werden, wenn man bereit ist, zu suchen, ohne zu erzwingen. Die Wahrheit existiert unabhängig vom Ausführenden, aber sie wird erst gehört, wenn jemand sie zum Erklingen bringt. Die notierte Musik braucht einen Menschen, der sie sprechen lässt.

Deshalb sind große Werke niemals erschöpft. Geniale Musik lässt sich nicht abschließen oder in einer einzigen endgültigen Interpretation festhalten. Sie bleibt offen für jeden, der bereit ist, neu zuzuhören. Eine Aufführung kann überzeugen, aber nie das letzte Wort haben. Vollendung ist eine Illusion; Nähe ist das eigentliche Ziel.

Grenzen, die Freiheit schaffen

Diese Nähe erfordert Grenzen. Freiheit in der Interpretation ist für Leonskaja kein selbstverständliches Recht, sondern etwas, das aus sorgfältiger Arbeit hervorgeht. Es beginnt mit dem gründlichen Studium der Partitur. Dasselbe Werk wird unter verschiedenen Händen anders atmen und anders klingen, aber wenn der Ausführende respektvoll und fantasievoll mit dem Text umgeht, kann die Interpretation glaubwürdig werden.

Nicht alle Musik verträgt die gleiche Freiheit. In der Romantik gibt es mehr Raum für verschiedene Lesarten, eine gewisse narrative Freiheit. In Musik aus der klassischen Zeit sind die Regeln strenger. Der zeitliche Abstand ist größer, die akustischen Bedingungen und Instrumente waren anders. Das wirft eine Vielzahl von Fragen auf, die gelöst werden müssen. Für Leonskaja ist die Klaviermusik von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) das klarste Beispiel: Kein Instrument hat sich seit Mozarts Zeit so grundlegend entwickelt wie das Klavier. Wer Mozart spielt, muss sich dieser historischen Spannung ständig bewusst sein.

Wenn man alle diese Elemente berücksichtigt und sensibel darauf reagiert, wächst nicht nur die Sicherheit, sondern auch der Raum für Ausdruck. Diese Arbeitsweise erfordert Geduld und Ausdauer. Erfahrung spielt darin eine unentbehrliche Rolle. Nicht weil sie alles einfacher macht, sondern weil sie neue Einsichten eröffnet. Sie schärft das Zuhören, erklärt, was früher rätselhaft blieb, und macht hörbar, was sich zuvor verborgen hielt.

In diesem Prozess liegt auch eine klare Verantwortung. Für Leonskaja tragen Musiker Verantwortung für das, was auf der Bühne erklingt und wie es geschieht. Musik verlangt viel von denen, die sie aufführen: Ehrlichkeit, Hingabe, Unermüdlichkeit, Offenheit, Empathie, Wissen, Intuition – und nicht zuletzt physische Einsatzbereitschaft. Der Körper ist kein neutrales Instrument; er ist das wesentliche Mittel, durch das die Musik zum Leben erwacht.

Die Spur des Klangs im Zuhörer

Was Musik letztendlich vermag, wird erst wirklich deutlich auf der Seite des Zuhörers. Wenn sich jemand während eines Konzerts selbst vergisst, ist schon etwas Wesentliches geschehen. Wenn dieser Zuhörer den Saal verlässt, gereinigt und in einer anderen Gemütsverfassung als er hereinkam, mit dem Gefühl, dass Musik etwas Wesentliches und fast Heiliges berührt hat, dann ist das tiefste Ziel der Aufführung erreicht.

Foto: Marco Borggreve
Wenn sie die Bühne betritt, ist die Situation für sie klar. Im Saal sitzt das Publikum, auf der Bühne sie selbst – dazwischen nichts als Konzentration. Sobald die Musik erklingt, füllt sie nicht den Raum als Hintergrund, sondern wird die Musik selbst eine greifbare Wirklichkeit, die alle Sinne anspricht. Musik erfordert volle Aufmerksamkeit, von wer spielt und von wer zuhört.

Musik – sagt Leonskaja – entsteht aus der Stille. Und sie kehrt dorthin auch zurück. Was nach dem letzten Klang bleibt, ist keine Antwort, sondern eine intensivere Form der Wahrnehmung. Musikmachen ist kein Akt des Besitzes, sondern eine kontinuierliche Übung der Dienstbarkeit: ein Zuhören zur Musik, zur Stille und zur Verantwortung, die damit einhergeht.

Stille als Endpunkt

Für Elisabeth Leonskaja ist Musikmachen keine Theorie, sondern eine Haltung. Musik verlangt keine Beherrschung, keinen Besitzanspruch, sondern Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Dienstbarkeit. Große Werke sprechen weiter, solange man bereit ist zuzuhören – mit Geduld, Empathie und Offenheit. Nur so entfaltet sich die tiefere Bedeutung einer Aufführung: eine Erfahrung, die Ausführende wie Publikum in Verwunderung zurücklässt, und die den Raum um die Musik bereichert und in der darauffolgenden Stille bleibt etwas weiterklingen: ein Echo, das noch lange nach dem letzten Klang bei dir gegenwärtig ist, sanft und unvergesslich.

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  • Elisabeth Leonskaja: Zuhören als Verantwortung

Fotografie:

  • Marco Borggreve

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