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Klassik Zentral

Bart Van Reyn und Octopus: 25 Jahre Dirigieren zwischen Klang, Mensch und Idee

Vor fünfundzwanzig Jahren stand Bart Van Reyn vor einer Handvoll junger Sänger. Was als kleines Chorprojekt begann, entwickelte sich zu Octopus, einem der einflussreichsten Vokalensembles Flanderns.

Unter seiner Leitung entwickelte der Chor einen erkennbaren Klang und eine eigene Identität, in der Präzision, Hingabe und Menschlichkeit Hand in Hand gehen. Heute ist Van Reyn nicht nur künstlerischer Leiter von Octopus, sondern auch Generalmusikdirektor des Flämischen Rundfunkchors. Für Klassiek Centraal erzählt er, wie er Brücken zwischen Tradition und Innovation, zwischen Noten und Menschlichkeit, zwischen Idee und Ausführung baut.

Dirigieren als Zuhören und Atmen

Für Van Reyn ist Dirigieren viel mehr als das Schlagen eines Taktes. Es ist ein ständiges Balancieren zwischen Kommunizieren, Zuhören und Strukturieren. "Es beginnt damit, die Idee eines Komponisten zu verstehen, sich für jede Note eine Vorstellung davon zu machen, wie sie klingen soll. Dann gehst du zu einem Chor oder Orchester wie ein Anwalt des Komponisten. Die echte Arbeit beginnt erst, wenn du zuhörst, was du zurückbekommst. Es ist ein Tanz zwischen Utopie und Realität, in dem du ständig verwickelt bist: Du hast eine Idee, wie es klingen soll, aber gleichzeitig musst du auch den Klang des Ensembles wagen." "In meinen Anfangsjahren war ich immer wieder untreu gegenüber dem Plan, den ich selbst aufgestellt hatte, was dazu führte, dass man sich selbst in Schwierigkeiten bringt. Jetzt weiß ich genau, wie viel Zeit eine Gruppe braucht, um konzertreif zu klingen."

"Du hast eine Idee, wie es klingen soll, aber gleichzeitig musst du auch den Klang des Ensembles wagen. Und dann ist da der Feind: die Zeit. Gutes Zeitmanagement ist lebenswichtig. Nach einigen Jahren lernst du zu spüren, wann du durchspielen kannst, wann Detailarbeit nötig ist und wann Loslassen das Richtige ist." Er hat gelernt, zwischen Durchspielen und Detailarbeit abzuwechseln und gleichzeitig alle Teile zu wiederholen, die er vorgesehen hatte: "Das ist ein Tanz mit der Zeit, bei dem Gefühl und Erfahrung entscheidend sind." Zusammen atmen, auch mit Orchestern, bildet die Grundlage für einen Klang. Stille und Leere muss man dirigieren; manchmal sogar das Publikum. "Du dirigierst das Publikum mit, zwischen den Sätzen oder am Ende eines Werkes. Der Dirigent wird dann zum Regisseur von Zeit und Stille."

Hingabe kann nicht geprobt werden. "Die meiste Zeit in Proben geht in Präzision: Rhythmus, Intonation, Text, Artikulation, Zusammenspiel, Rhetorik... Erst wenn das auf Niveau ist, kommt Hingabe. Und das kannst du schwer simulieren: Du spürst direkt während eines Konzertes, dass sich ein Ensemble unglaublich werfen wird. Dann lässt du die Präzision etwas los und gehst mit in die Inspiration des Moments. Es ist der Moment, in dem der Dirigent auch unbekanntes Terrain mit Ausführenden und Publikum erkunden kann." Auch physische Präsenz, Atem, Geste und Körperhaltung beeinflussen den Klang. "Es ist metaphysisch. Die Körpersprache spielt eine große Rolle, und es bleibt auch ein Gedankenspiel. Ich habe in Meisterkursen gesehen, wie das gleiche Orchester unter verschiedenen Dirigenten völlig anders klingt."

Stimme und Sprache als Verbindung

Für Van Reyn ist Sprache genauso wichtig wie Klang. "Ich achte sehr auf die Färbung der Sprache und perfekte Aussprache. So schaffst du Homogenität und kristallklare Kommunikation mit dem Publikum. Es ist essentiell, dass Sänger von dem durchdrungen sind, was sie singen. Schließlich ist auch der Komponist eines Textes einmal von einem leeren Blatt ausgegangen." Der Moment, in dem ein Chor wirklich zusammen singt, erkennst du an kleinen Gesten: Augenkontakt zwischen den Sängern, ein Lächeln. Erst dann hören Sänger wirklich zu, losgelöst von der Partitur. Singen ist zudem ein verletzliches Handwerk. "Singen ist körperlich anstrengender als zum Beispiel, ein Streichinstrument zu spielen. Konstruktive Kritik kommt direkter bei jemandem an, der selbst das Instrument ist. Gleichzeitig ist die menschliche Stimme das schönste Instrument; man merkt das auch an der Beliebtheit von Vokalmusik beim Publikum. Das macht Vokalmusik so verbindend und unersetzlich, besonders in einer Zeit, die immer digitaler wird."

"Vokalmusik ist schlechthin das, was man live erleben möchte: Oper, Oratorium, Weihnachtskonzerte, alles Momente der Verbundenheit, die KI nie erreichen kann." Van Reyn glaubt an Menschlichkeit in der Führung. "Die Zeit der autoritären Dirigenten liegt hinter uns. Ich fühle mich als primus inter pares: Ich übernehme die Führung, aber es gibt immer Raum für Fragen und Vorschläge. Natürliche Führung baust du mit einer Gruppe auf, mit der du länger zusammenarbeitest. Bei neuen Ensembles fängst du an, und das finde ich auch faszinierend, mit einem leeren Blatt."

Historische Praktiken und zeitgenössischer Kontext

Van Reyn geht gerne vom Farbenpalettenvon der Instrumenten eines Komponisten aus und arbeitet gerne mit Periodenorchestern. "Aber wir spielen in modernen Sälen, oft viel größer als früher, für ein heutiges Publikum, das nicht drei Stunden Konzerte erwartet, in denen nur Teile von Werken gespielt werden. Informiert ja, dogmatisch nein. Das Ziel ist immer, dem Komponisten zu dienen, nicht strikte historische Regeln zu befolgen." "Die einzige 'richtige' Art, Bach zu singen, ist nicht unbedingt mit Knabenstimmen als Soprane; wir sind über dieses Stadium hinaus. Der Kontext bestimmt, wie wir das Werk am besten präsentieren können."

Octopus: eine Idee, die bleibt

Die ersten Tage von Octopus stehen Van Reyn noch deutlich vor Augen. "Aufregend, und ich wollte sofort alles. Diese acht armen Sänger ließen wir sofort Bruckners 'Christus factus est' singen, denn dafür war ich total begeistert." Der Chor wuchs schnell: von acht auf zwölf, sechzehn, und 2002 auf 26 Sänger. "Wenn ein paar Sänger nicht verfügbar waren, mussten wir 'kopflos' proben. Dann wurde mir klar: Qualität holt man sich aus Quantität. So wuchs Octopus stetig."

"Der echte Wendepunkt kam 2010: vier Mal Beethovens 9. Sinfonie mit dem Symfonieorchester Flandern, gefolgt von James MacMillans St. John Passion. Komplimente eines weltberühmten Komponisten bestätigten, dass es gut lief. Wir mussten anfangen, von einem Kammerchor und Symphonischen Chor zu sprechen, einem großen Qualitätschor, der Bühnen mit allen großen symphonischen Orchestern teilen kann. In den folgenden Jahren wurden unvergessliche Momente wie im Théâtre des Champs-Élysées und die Zweite von Mahler mit dem Budapest Festival Orchestra und Iván Fischer dieses symphonische Chorgeschichte wirklich besonders."

Heute zählt Octopus 200 Sänger, ausgewählt pro Projekt, mit 327 Konzerten und 183 Programmen hinter sich. "2013 bekamen wir unerwartet 4 Jahre Subventionen und professionalisiertes besonders den Kammerchor. Unsere a-cappella-CD Birds of Paradise wurde international gelobt." Octopus ist mehr als ein Chor: "Es ist eine Idee, an der Hunderte von Sängern mitgearbeitet haben. Menschen kommen und gehen, die Idee bleibt. Der Klang ist unabhängig von Individuen, der Chor klingt immer ähnlich, obwohl jedes Mal die Gruppe anders zusammengesetzt ist. Der Verlust von drei Sängern hat uns näher zusammengebracht, besonders als wir ihnen gemeinsam mit Musik die letzte Ehre erwiesen." Die Werte bleiben unverändert: Integrität bei Auditions, Balance zwischen Erfahrung und jungen Stimmen, ein Repertoire mit Bach, Beethoven, Brahms, Händel, Haydn, Mozart und Mahler. Van Reyns ultimativer Traum: Mahlers 8. Sinfonie in der Concertgebouw Amsterdam, "mit beiden Seiten neben der Orgel voller Octopus."

Ein Vierteljahrhundert Atem und Hingabe

Nach 25 Jahren zeigt sich bei Bart Van Reyn, dass Dirigieren nicht nur eine Handlung ist, sondern eine Art zu hören, zu verbinden und zu gestalten. Octopus ist zu einer Klangwelt und einer Idee herangewachsen, die Individuen übersteigt: Menschen kommen und gehen, das Projekt bleibt, und der erkennbare Klang bleibt erhalten. Für Van Reyn geht es um den Atem, der die Gruppe verbindet, die Hingabe, die ein Konzert einzigartig macht, und die menschliche Nähe, die jeder Aufführung Bedeutung verleiht. Ein Wort fasst es zusammen: Hingabe.

In jeder Aufführung spiegelt sich der Geist von Octopus wider, dass Musik verbindet, inspiriert und die Zeit für einen kurzen Moment stillstehen lässt. Das ist vielleicht das schönste Ergebnis von 25 Jahren Octopus: eine Gemeinschaft von Stimmen, eine Idee, die bleibt, und eine Zukunft voller Möglichkeiten. Vokalmusik bleibt nach Van Reyn die ultimative Art, Menschlichkeit und Verbundenheit zu erleben, besonders in dieser immer digitaleren und individualistischeren Welt...

Detalhes:

Título:

  • Bart Van Reyn und Octopus: 25 Jahre Dirigieren zwischen Klang, Mensch und Idee

Künstler:

  • Bart Van Reyn

Fotografie:

  • Koen Broos

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