Rhythmisches Zusammenspiel von Szene und Orchester
Eine neue Inszenierung von Verdis Falstaff anzuschauen, während man noch kristallklare Erinnerungen an die vorherige Produktion der KMS dieser Oper hat, ist gewagt und vor allem eine Herausforderung. Jene war damals noch mit zwei mittlerweile verstorbenen Künstlern von reinem Schrot und Korn aus der Opernwelt besetzt: Willy Decker als Regisseur und Susan Chilcott als wunderbare Alice Ford.
Jetzt ist Laurent Pelly an der Reihe, und von diesem Regisseur erwartet man einiges, zumal er seit etwa 25 Jahren für durchdachte und scharfsinnige Inszenierungen steht, besonders wenn es auch nur ein Körnchen Komik zu bewältigen gibt. Seine Produktion von Rameaus Platée kann man nur als bahnbrechend bezeichnen und Donizettis La Fille du régiment tingelt seit etwa 20 Jahren um die Welt. An der Münze war Pelly zuletzt in Tschaikowskis Eugen Onegin zu sehen. Und lassen Sie mich gleich klarstellen: seine Falstaff-Inszenierung ist vollkommen gelungen.
Die Oper, mit der Verdi sein Werk abschließt, ist ein Außenseiter. Verdi nähert sich dem achtzigsten Lebensjahr und möchte nach so viel Spannung und Tragik endlich wieder einmal eine Komödie komponieren – das letzte Mal war das Jugendwerk Un giorno di regno (1840). Aber eine, die feine Geistigkeit erlaubt. Er orientiert sich an seiner geliebten literarischen Quelle: William Shakespeare. Sein Lieblingslirettist Arrigo Boito macht daraus eine meisterhafte Adaptation. Bernard Haitink definiert es schlicht: "Sind Verdis Opern Burgunder, dann ist sein Falstaff Champagner".
Perfektes Timing

Das Bühnenbild bietet uns genau das, was die Oper verlangt: ein gemütliches Lokal, eine bürgerliche Wohnung und ein filigranes Bühnenbild für den Schluss. Darin spielen Laurent Pelly und seine Bühnenbildnerin (Barbara de Limburg) mit kleinen Veränderungen und Anpassungen, die jedes Mal die Situation zuspitzen. Das Café verwandelt sich etwa von klein zu groß, genau in dem Moment, als Falstaff seinen dicken Bauch besingt. Es kann platt klingen, aber die Art, wie es wirkt, besonders in Kombination mit der Schauspielkunst von Keenlyside, sorgt für einen Gag. Und natürlich die Tür, durch die Ford und Falstaff zusammen müssen: es ist ein obligater Gag in Falstaff. Das Gläschen, an dem Mrs Quickly nippt, wenn sie Falstaff mit der Einladung aufsucht – und sie nimmt sich gleich noch eins. Die Verwendung der Treppen in Fords Wohnung, über die der Korb geschleift werden muss, schafft eine gewisse Spannung, die wunderbar zu Verdis Musik passt. Der nächtliche Wald, der allmählich durch Nebel beleuchtet wird und gegen die Lichter des Wohnblocks anleuchtet. Als wollte Pelly klarstellen, dass hinter dem magischen Schauspiel auch noch eine echte Welt existiert. Man könnte für jede Szene Beispiele subtiler Aspekte und Zusammenspiel zwischen den Figuren anführen, die das Ganze zu einem ununterbrochenen Theaterfest machen. Das Wichtigste, um das Ganze funktionieren zu lassen, ist Timing, und das beherrscht Pelly perfekt, und mehr noch: Altinoglu spielt völlig darauf an mit dem Orchester. Die Einheit im Rhythmus zwischen Szene-Orchester ist schlicht sublim und stimmt einfach mit Verdis dramatischem Instinkt überein.
Die Oper steht und fällt mit ihrem Titeldarsteller, dem dickbäuchigen Trunkenbold Falstaff. Immer hungrig, immer durstig und immer knapp bei Kasse. Sein letzter Rettungsplan: zwei schöne und wohlhabende Bürgerfrauen gleichzeitig verführen, Alice Ford und Meg Page. So einfach funktioniert das alles nicht, und wer falsch spielt, wird am Ende selbst betrogen, aber Falstaff behält seine gute Laune und erkennt am Ende, dass die ganze Welt eine Farce ist! Und dies wird ausgerechnet zu einer feierlichen Fuge gesungen!
Simon Keenlyside ist ein Falstaff reinsten Wassers! Stimmlich sitzt die Partie ihm wie angegossen. Keenlyside erfasst alle Nuancen, die der alte Verdi in die Rolle gelegt hat. Er fühlt sich als echter Lokalhänger in seinem Element, strahlt aber auch genug Eitelkeit aus, um seinen längst vergangenen "Ritterstatus" nicht zu verleugnen. Und unter seiner komischen Lebensfreude verbirgt sich auch echte Melancholie am Anfang des dritten Aktes nach seinem Tauchgang in der Themse. Keenlyside trifft immer den richtigen Ton, auch in den eleganten Passagen (z.B. "Quand'ero paggio del duca di Norfolk"). In seiner genauen Textinterpretation erkennt man einfach den erfahrenen Liedersänger.
Die Frauenpartien sind schön charakterisiert als die "gaie commari di Windsor", die fröhlichen Damen von Windsor, die dem dicken Verführer eine Lektion erteilen wollen. Sally Matthews bleibt als Alice des Trios etwas zu sehr auf der Strecke – besonders in ihrem Buffo-Duett mit Falstaff (mit schönen Effekten für das Fagott), aber der Rest des eleganten Frauenensembles gleicht das aus, um die Verschwörung des zweiten Aktes zu vollständigem Chaos zu führen. Ihr Plan, im Schlussbilder auch Ford über den Tisch zu ziehen mit der Hochzeit der Liebenden Nanetta und Fenton, ist ein gelungener romantischer Coup de Théâtre.
Bei den Sängern heben wir gerne auch die überzeugende Verkörperung von Daniela Barcelona als Mrs Quickly und Lionel Lhote hervor, der weder in seiner verrückten Verkleidung mit rotem Bart noch in seiner endgültigen Niederlage seine Ansprüche als Ford aufgibt.
Wie bereits klargemacht: Das Orchester unter Alain Altinoglus Leitung spielt funkelnde und mit herrlichen Akzenten in den Holzbläsern, aber auch in der Pikkoloflöte, die die Ironie auf die Spitze treibt, oder in den Trompeten, die am Ende des zweiten Aktes lachen, wenn Falstaff in die Themse geworfen wird, und natürlich die Hörner als Symbol des betrogenen Ehemanns! Diese Aufführung war ein wirbelndes Fest.



