Mit einer Mischung aus historischen Werken, zeitgenössischen Kompositionen und aufschlussreichen Vorträgen hat das Komponistinnenfestival ihr:stimme in der deutschen Stadt Essen zum zweiten Mal eine äußerst fesselnde und starke Ausgabe präsentiert. Sowohl in den alten und oft vergessenen Werken als auch in den zeitgenössischen Stücken gab es wieder viele Entdeckungen zu machen, von denen wir nur hoffen können, dass sie einen festen Platz im Konzertrepertoire erobern, auch außerhalb Deutschlands.
Eine der Fragen, die während der Vorträge und Diskussionen gestellt wurde – das Rahmenprogramm, das das Komponistinnenfestival so interessant macht – betraf Neue Stoffe: welche Themen verlangt das zeitgenössische Musiktheater, und besonders um in dieser Zeit relevant zu bleiben? An aktuellen und relevanten Themen mangelte es bei dieser zweiten Ausgabe des Essener Festivals jedenfalls nicht. Sowohl Missy Mazzoli als auch Kaija Saariaho erregten Aufmerksamkeit mit für Opern ungewöhnlichen Themen.
American Dream
Missy Mazzoli (1980) mag in unseren Breitengraden kein großer Name sein, aber sie gehört zu den gefragtesten zeitgenössischen Komponistinnen. Sie erhielt bereits zweimal – als eine der ersten Frauen – einen Kompositionsauftrag der Metropolitan Opera, und 2022 war sie Musical Americas Composer of the Year. Sie schrieb unter anderem die Oper Breaking the Waves (2016) nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier. Im vergangenen Jahr beeindruckte die New Yorkerin das Komponistinnenfestival in Essen bereits mit River Rouge Transfiguration, ein kurzes, aber kraftvolles Werk, bei dem sie sich von der (untergegangenen) Industrie in Detroit inspirieren ließ. Wir freuten uns daher sehr auf ein größeres Werk von ihr: The Listeners (2021, Trailer), eine zweistündige Oper, für die sie eigens zum Festival anreiste.
The Listeners ist der zweite Teil einer Trilogie, in der Mazzoli über die dunklen Seiten des American Dream nachdenkt. Zusammen mit ihrem bewährten Librettisten Royce Vavrek (bei uns bekannt von seiner Opernbearbeitung von Fanny and Alexander, die aktuelle De Munt-Produktion unter der Regie von Ivo Van Hove) zeigt sie eindrucksvoll, wie charismatische Anführer anfällige Menschen in ihrer verzweifelten Suche nach Verständnis und Verbundenheit ausbeuten. Claire leidet unter schlaflose Nächten durch ein tiefes, permanentes Summen, das sie zum Wahnsinn treibt. Zusammen mit Kyle, einem ihrer Schüler, der denselben unhörbaren Ton wahrnimmt, sucht sie Zuflucht in einer Gemeinschaft rund um den Scharlatan und Manipulator Howard Bard. Endlich meinen sie, Gehör (!) für ihre Beschwerden zu finden, bis sich herausstellt, dass sie tatsächlich in einer Sekte gelandet sind.
Unterdrücktes Potenzial
Mazzoli interessiert sich auch dafür, was geschieht, wenn das weibliche Potenzial unterdrückt wird. Wo bleibt ihre Kraft, wenn Frauen ihre Träume und das, was sie als ihre Berufung betrachten, (unterdrücken müssen)? Das Korsett von Mann und Kind und sogar ihre Arbeit als Lehrerin sind Claire zu eng. Man fragt sich auch, wie es mit all den anderen aussieht Zuhörern im Clan: Ist das verrückt machende Summen, das sie hören, Ursache oder Folge eines tiefgreifenden Unbehagens?
Und ja, The Listeners ist auch eine Reflexion auf die Trump-Ära, bestätigte Mazzoli auf unsere Frage. Oper und (Musik-)Theater sind ihrer Ansicht nach jedenfalls die am besten geeigneten Genres, um auf den Zeitgeist zu reagieren, auch wenn sie durch die lange Produktionszeit manchmal mehrere Jahre hinterherhinken – The Listeners begann sie bereits während Trumps erster Amtszeit. Sie stellt übrigens mit Vergnügen fest, dass junge Menschen gerade durch solche aktuellen Themen noch zum Genre hingezogen werden können. Was gleichzeitig hoffnungsvoll für die Zukunft des Musiktheaters ist. In New York gründete die Komponistin und Performerin, wie sie sich selbst nennt, auch das Luna Composition Lab , durch das sie junge Frauen und nicht-binäre Personen bei ihren ersten Kompositionsschritten für die Oper mentoriert.
(Un)schuldig
Für ein anderes Werk mit einem aktuellen Thema verfolgten wir die Spur 30 km weiter nach Gelsenkirchen, wo im Musiktheater im Revier früher in dieser Saison die Oper Innocence (2021, Trailervon Kaija Saariaho (1952-2023) Uraufführung hatte. Im Rahmen des Komponistinnenfestivals erlebte die Produktion dort ihre (genau wie The Listeners) letzte Aufführung. Es war nicht ohne Gefühl und berechtigten Stolz, dass das sehr internationale Ensemble in einem Nachgespräch auf die intensive Erfahrung für sich selbst und das Publikum zurückblickte.
Neben der keineswegs einfachen Musik der finnischen Komponistin hatte diese bleibende Erfahrung viel mit der Mehrsprachigkeit des Stücks zu tun. Saariaho und ihre ebenfalls finnischen Librettisten Sofi Oksanen und Aleksi Barrière (auch ihr Sohn) gaben den verschiedenen Charakteren im Stück jeweils ihre eigene Sprache. So wird auf Finnisch, Englisch, Deutsch, Schwedisch, Spanisch, Griechisch, Rumänisch, Tschechisch und Französisch gesungen und gesprochen. Diese Mehrsprachigkeit steht auch unmittelbar für die ganz eigene Art, wie die Charaktere mit den Ereignissen umgehen. Und doch wirkt diese Sprachenvielfalt völlig natürlich. Das zeitgenössische Leben, wie es ist…
Die Geschichte spielt sich gleichzeitig an zwei Orten ab. Einerseits gibt es die Hochzeit eines finnischen Jungen mit einer Rumänin. Der Bruder des Bräutigams hat vor zehn Jahren elf tödliche Opfer bei einer Schießerei an einer internationalen Schule gemacht, aber die Braut wird darüber im Unklaren gelassen. Sie meint, in einer liebevollen Familie und einem gewaltfreien Rechtsstaat angekommen zu sein. Zur gleichen Zeit wie die Hochzeit ohne Gäste gedenken Jugendliche und ihre Lehrerin der zehn ermordeten Klassenkameraden und eines Lehrers. Es ist klar, dass für jeden der Hinterbliebenen, auch in der Familie des Täters, das traumatische Ereignis immer noch nachwirkt. Wie gehen sie mit Verlust, Erinnerungen, aber auch mit (Un-)Schuld um? Denn ist wirklich jeder unschuldig?
Entsetzen
Durch einen unglücklichen Zufall ist die Mutter eines der Opfer Dienerin auf der Hochzeit. Besonders geschickt ist, wie die beiden Handlungsstränge dadurch aufeinander einwirken und die Spannung nach und nach aufgebaut wird. Oder wie die Vergangenheit auf schockierende Weise die Gegenwart einholt. Niemand bleibt unbewegt dabei, auch das Publikum sitzt mit wachsendem Entsetzen da und schaut zu. Und doch geht das Leben weiter: ‚Lass los'… Eine wahre griechische Tragödie, mit Griechischem Chor inklusive.
Auch in der Semperoper in Dresden steht diese Oper derzeit (noch bis 11. April) auf dem Spielplan, allerdings in einer anderen Inszenierung. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Venla Ilona Blom, die in Dresden die gesanglich einzigartige Rolle des Opfers Markketa singt, frühmorgens in den Zug sprang, um in Essen die Sängerin mit derselben Rolle zu ersetzen, die in der Nacht vor der letzten Aufführung krank geworden war. Und dann schnell zurück nach Dresden zur nächsten Aufführung in einer völlig anderen Inszenierung… Ehrlich gesagt sind wir geneigt, auch wieder in den Zug zu springen. Um diese Version zu sehen, aber auch um uns diesmal extra auf die Musik konzentrieren zu können. Denn das ist doch ein heikler Punkt bei zeitgenössischen Produktionen: Es gibt so viel zu erleben, dass es unmöglich ist, in einem Durchgang sowohl die Geschichte als auch die Musik zu erfassen.
Jedenfalls scheinen die vollen Säle in Essen und Gelsenkirchen zu beweisen, dass das Publikum offen dafür ist, trotz der Feststellung von Anna-Sophie Mahler, Dramaturgin von The Listeners in Essen. Während der Debatte über Neue Stoffe sagte sie, dass Konzerthäuser in ihrer Erfahrung große Vorbehalte gegenüber zeitgenössischen Themen zeigen, weil sie fürchten, dass das Publikum dafür nicht offen ist. Und doch.
Charlotte 'Charles' Sohy
Von Kaija Saariaho bekamen wir während eines Sinfoniekonzerts auch noch ihr atmosphärisches Ciel d'hiver zu hören, womit wir ganz in nordische Gefilde gerieten. Auch Color Field der englischen Komponistin Anna Clyne (1980), inspiriert durch ein Gemälde von Mark Rothko, ließ uns träumen.
Das alles soll nicht heißen, dass das Komponistinnenfestival sich ausschließlich auf zeitgenössische Werke konzentriert. Im Gegenteil. Nachdem die französische Komponistin Louise Bertin (1805-1877) mit ihrer völlig vergessenen Oper Fausto im letzten Jahr die aufsehenerregendste Entdeckung des Programms war (lesen Sie hier, auch in dieser Ausgabe wieder aufgeführt), konnten wir dieses Jahr Charlotte Sohy (1887-1955) kennenlernen. Oder Charles Sohy, denn diese Pariserin setzte meist einen männlichen Namen auf ihre Partituren, um bessere Chancen auf Anerkennung zu haben. Von ihr hörten wir Der Große Krieg – aber auch wieder ein aktuelles Thema?…
Sohy begann dieses Werk 1914, genau in der Zeit, als ihr Mann Marcel Labey, ebenfalls Komponist, Dirigent und Verfechter ihres Werkes, an die Front eingezogen wurde. Während ihres Lebens wurde Der Große Krieg nie aufgeführt oder veröffentlicht. Erst hundert Jahre später (!) kam das Werk wieder ans Licht. Hoffentlich verschwindet es nach dieser Aufführung nicht wieder in der Vergessenheit.
Alma Mahler
Darüber hinaus widmete sich das Komponistinnenfestival dieses Jahr intensiv Alma Mahler (1879-1964), der Frau, die kaum wegen ihres eigenen Werkes bekannt war und definiert wurde, sondern vor allem in Relation zu berühmten Männern: Gustav Mahler, Walter Gropius, Franz Werfel, Alexander von Zemlinsky, Oskar Kokoschka. Ihre Beziehung zu diesem letzteren wird noch bis 22. Juni anhand der Ausstellung Frau im Blau im Folkwang Museum illustriert, das zum ersten Mal in 30 Jahren alle Gemälde, Fächer und ein Fresko zusammenbringt, die Kokoschka in der Zeit malte, als er (krankhaft) von Alma besessen war.
Das eigene Werk der temperamentvollen Wienerin ist mit 17 erhaltenen Liedern eher bescheiden. Sie erhielten dennoch große Aufmerksamkeit in verschiedenen Konzerten. Ein Wiener Salon bot auch die Möglichkeit, Almas Zeitgenossinnen kennenzulernen, wie Mathilde Kralik von Meyrswalden (1857-1944) und Evelyn Faltis (1887-1937).
Himmlische Klänge
Noch mehr (Wieder-)Entdeckungen bot das Konzert des belgischen Ensembles B'Rock unter der Leitung von Andreas Küppers. Unter dem Titel Seraphim erlebten wir eine Fülle von religiös und kontemplativ gefärbten Liedern: von der quasi unvermeidlichen Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert, aber auch von mehr oder weniger bekannten Komponistinnen wie Vittoria Aelotti (1575-1620), Caterina Assandra (ca. 1580-1618), Francesca Caccini (1587-1640), Chiara Margerita Cozzolani (1602-1678), Isabella Leonarda (1620-1704), Maria Xaveria Perucona (?-1709) oder der "jüngeren" Louise Farrenc (1804-1875), Lili Boulanger (1893-1918) und Ruth Crawford Seeger (1901-1953). Ein Engel der kürzlich verstorbenen Sofia Gubaidulina (1931-2025) passte wunderbar in dieses Ensemble himmlischer Klänge. Wir hoffen, dass B'Rock dieses Programm mit der Mezzosopranistin Lucile Richardo, das wenige Tage zuvor auch in De Bijloke zu hören war, wiederholen darf.
NÖ mehr Entdeckungen bietet das Komponistinnenfestival her:voice ganz sicher bei seiner dritten Ausgabe vom 12. bis 15. März 2026. Das haben wir uns schon notiert.
Dieser Artikel erschien auch auf dem Blog notizen.frauamklavier.de.



