Wie Dostojevski glaubte, dass Schönheit die Welt retten würde, und Scriabin durch seine Musik eine neue spirituelle Einheit in der Menschheit hervorrufen wollte, so hofft die Pianistin Irina Lankova, dass ihre Leidenschaft und ihr Staunen einen bescheidenen Unterschied in unserer Welt bewirken werden.
Ist es denn hier nicht schrecklich einsam zu wohnen? frage ich, als ich nach langer Suche endlich auf dem gut versteckten Landhaus in Nodebais ankomme, wo Irina Lankova auf mich wartet. Ach nein, hier ist das Zentrum der Welt. Meine Eröffnungsbemerkung mag zwar völlig daneben sein, aber ich hatte eine sehr angenehme Begegnung mit der Frau hinter dem Max Festival von Tourinnes-la-Grosse in Wallonisch-Brabant. Der Salon, in dem sie mich empfängt, ist das ehemalige Probenlokal des Jugendchores, das der Künstler Max van der Linden (1922-1999) hier gründete. Überall Gemälde und Keramik, … das ganze Interieur atmet Max van der Linden, der sein ganzes Leben lang auf dem Familiendomäne d'Agbiermont wohnte, arbeitete und grenzenlos schöpferisch tätig war. Lankova hat Max, Miqui für Freunde genannt, nie zu Lebzeiten gekannt, da sie erst 17 Jahre nach seinem Tod nach Nodebais kam, war aber sofort fasziniert von dieser vielseitigen, charismatischen Persönlichkeit, die den Funken in den Künstlerdörfern der Umgebung entzündete.


Der Mann, der mit Schlamm Sterne machte.
(Julos Beaucarne über Max van der Linden)
Vor acht Jahren startete Irina Lankova, die nicht nur eine Seelenverwandte, sondern durch ihren Mann auch die angeheiratete Nichte des verstorbenen Max van der Linden ist, ihr eigenes Festival. MAX ist der musikalische und jüngere Teil der Les Fêtes de la Saint-Martin, ein jährlicher Kunstspaziergang im November, der sich auf bildende Kunst und in geringerem Maße auf Theater und Musik konzentriert. Wie der Kunstspaziergang und ganz in der Tradition und im Geiste des brückenbauenden Max van der Linden möchte Irina Lankova mit diesem Festival Dinge, die sie sehr liebt, mit anderen teilen. Sie bringt nicht nur hochwertige Musik aus den Konzertsälen ins Dorf, sondern möchte Menschen miteinander in Kontakt bringen.


„Ich bin ein Moment, das die Ewigkeit erleuchtet"
Inspiriert von den Künstlern, die sie anzieht, stellt Künstlerische Direktorin Lankova ein vielfältiges Konzertprogramm zusammen, das von Gregorianischem über Polyphonie bis zu Kammermusik für den Kenner und den angehenden Musikliebhaber reicht. Der rote Faden der Ausgabe 2023 ist das Jahresthema INFINITY, das ganz dem mystischen, messianischen Komponisten Alexander Scriabin (1871-1915) entlehnt ist, von dem Irina Lankova am Samstag, 16. September, Werke während ihres Klavierrecitals spielt.
Infinity bezieht sich sowohl auf die Ewigkeit als auch auf das größere Ganze, das All, dessen Teil jeder und alles ist. Das bekannte Zitat von Alexander Scriabin „Ich bin ein Moment, das die Ewigkeit erleuchtet" berührt ihrer Meinung nach das Wesen der Musik und die Rolle des Künstlers. „Auf der Bühne fühle ich mich mit der Quelle der Musik verbunden, während ich sie mit dem Publikum teile". Wie Max van der Linden es schaffte, himmlische Werke aus Ton zu schaffen, so versucht Irina Lankova, die besten Musiker in die fruchtbare Gegend rund um Tourinnes-la-Grosse zu bringen. Das Projekt wächst dort fast von selbst.
Infinity-Programm
Die meisten Konzerte des Max Festivals, fünf an vier Tagen, finden in der romanischen Sint-Maartenskirche von Tourinnes-la-Grosse statt, die eine ausgezeichnete Akustik bietet. Das Festival eröffnet mit zeitloser Kammermusik von Franz Schubert, Samuel Barber und Arvo Pärt, ja, das hypnotisierende ‚Spiegel im Spiegel' wird nicht fehlen. Es gibt Sakralmusik für Karfreitag mit Julie Gebhart, Sopranistin Naomi Couquet, Mezzosopranistin und dem Orchestre Royal de Chambre de Wallonie unter der Leitung von Giancarlo De Lorenzo im Stabat Mater von G.P. Pergolesi, ergänzt mit Musik von Francesco Durante und J.S. Bach.
Im einzigen Soloprogramm der Pianistin Irina Lankova spielt sie Alexander Scriabin, Frédéric Chopin und Sergej Rachmaninov, wobei sie alle Stücke mit persönlichen Kommentaren versehen wird und den Zuhörern einen Schlüssel zum Hören in die Hand gibt.
Zwischen Licht und Dunkelheit, um 6 Uhr morgens, wenn der Kosmos ein wenig reiner ist, begibt sich Cappella Pratensis auf die Suche nach dem Ewigen in Musik aus dem Tagesablauf des monastischen Lebens, von Prime bis Komplet. ‚Aeterna Semper Quaerens' ist ein Konzert für Frühaufsteher, für die in der Kirche Liegestühle herbeigeschafft werden, um bequem liegend zuzuhören. Danach gibt es ein kräftiges Frühstück, denn ‚Convivialité' scheint auch das DNA dieses festival du terroir.


zu prägen.
Ausführende: Irina Lankova, Daniel Kogan, Elina Buksha, David Cohen, Joël Christophe, Léa Hennino, Julie Gebhart, Naomi Couquet, Ivan Paduart, die Cappella Pratensis und das Orchestre Royal de Chambre de Wallonie.
Praktischess
Programm
Festivalpas für € 100 für das ganze Festival
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Eintritt: € 30, Vorverkauf: € 25, unter 26 Jahren im Vorverkauf: € 10
Max van der Linden (±1922 Nodebais – 1999) war ein Keramiker, Schriftsteller, Cellist, Musikliebhaber, Sammler, Regisseur, Fotograf … eine charismatische Persönlichkeit und Brückenbauer, der ständig Menschen näher zusammenbrachte. Sein ganzes Leben war der Kunst gewidmet und sein Atelier war ein Anlaufpunkt für viele Wanderer und suchende Menschen, darunter viele Jugendliche. 1965 begann er zusammen mit Freunden aus dem Dorf, darunter Sänger und Schriftsteller Julos Beaucarne, die Fêtes de la Saint Martin. Jedes Jahr im November zieht der Kunstparcours bis heute Besucher in die Privatwohnungen und Kirchen von Tourinnes-la-Grosse, Nodebais, Beauvechain, Nethen …






Irina Lankova (±1977 Michurinsk, Russland) war sechs Jahre alt, als sie von Rachmaninows Elegie zu Tränen gerührt wurde. Sie studierte Klavier an der Gnessin-Schule in Moskau. Mit 18 Jahren kam sie nach Brüssel, um sich bei Evgeny Mogilevsky zu vervollkommnen (Gewinner KEW 1964). Anschließend lebte und arbeitete sie in London und Paris. Seit 2016 wohnt sie in Nodebais (Wallonisch-Brabant) mit ihrem Mann, der ein Neffe von Max van der Linden ist und in seiner Freizeit Jazzmusik spielt. Sie spricht fließend Englisch und Französisch und nennt sich nicht ‚Russisch', sondern ‚Belgisch-international'. Obwohl sie einen gut gefüllten Konzertagenda hat (Carnegie Hall in New York, Salle Gaveau in Paris, Concertgebouw in Amsterdam, …), ist diese internationale Pianistin bemerkenswert/seltsamerweise in Flandern so gut wie unbekannt.
„Ihr Anschlag ist wirklich poetisch und sie arbeitet auf einer großen tonalen Leinwand,
und ruft Stimmungen und Atmosphären mit überzeugender Autorität hervor"
The Independent, UK
Foto von Irina Lankova © Ger Spendel



