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Klassik Zentral

Was wäre, wenn wir Chopin immer falsch gespielt hätten?

Wie würden Chopins Meisterwerke klingen, wenn wir sie so aufführen würden, wie der Komponist sie wirklich gemeint hat? Eine bahnbrechende neue Kickstarter-Kampagne behauptet, dass wir jahrzehntelang falsche Interpretationen gehört haben.

Die klassische Musikwelt steht vor einer faszinierenden Wendung. Ein neues Projekt, das über Kickstarter gestartet wurde, stellt eine provokative Frage, die Generationen von Pianisten und Publikum zum Überdenken bringen könnte: Was ist, wenn unsere geliebten, rasanten Interpretationen von Chopins Werken uns genau von dem ablenken, was der Komponist wirklich wollte, dass wir hören?

Die 5er-CD-Box, aufgeführt vom italienischen Pianisten Alberto Sanna auf einem historischen Hammerflügel, verspricht Chopins Klaviermusik in den ursprünglichen Tempi zu präsentieren, wie sie in seinen Partituren angegeben sind. Aber es geht hier nicht um eine einfache Verlangsamung bekannter Werke – das Projekt basiert auf einer revolutionären Neuinterpretation, wie die Metronommarkierungen des 19. Jahrhunderts gelesen werden sollten.

Das Metronom-Rätsel

Das Herz dieses Projekts liegt in dem, was die Macher „Whole Beat Metronome Practice" (WBMP) nennen. Nach ihrer Forschung wurden Metronommarkierungen im 19. Jahrhundert nicht als einzelne Schläge gelesen, sondern als Pendelschwünge – eine Interpretation, die die Tempi effektiv halbiert und von physisch unmöglichen Geschwindigkeiten in musikalisch ausdrucksstarke Aufführungen umwandelt.

"Viele Metronommarkierungen des 19. Jahrhunderts sind nicht nur schnell – sie sind physisch unmöglich zu spielen, selbst für die besten Pianisten der Welt", erklärt Wim Winters. "15 Noten pro Sekunde und mehr auszuhalten ist keine Frage der Disziplin oder des Talents – es ist eine Frage der Physiologie."

Dieser Ansatz eröffnet nach Ansicht der Macher eine völlig neue Klangwelt, in der Chopin nicht als technisches Spektakel erscheint, sondern als tiefgründiger Dichter der Zeit und des Atems. In diesem Video beantwortet Wim Winters die häufigsten Fragen zum Projekt.

Drei Säulen der Authentizität

Das Projekt ruht auf drei Fundamenten, die zusammen ein neues Hörerlebnis schaffen sollen. Neben der reformierten Tempointerpretation verwenden die Musiker auch "ursprüngliches Rubato" – wobei die linke Hand streng im Takt bleibt und Verzierungen nur dort stattfinden, wo Chopin sie notiert. Darüber hinaus verwenden sie genau die Pedalmarkierungen, wie Chopin sie schrieb, etwas, das nach dem Projekt noch nie zuvor in der Aufnahmegeschichte getan wurde.

Alberto Sanna, der Pianist hinter diesen Aufnahmen, kam zu diesem Projekt, nachdem er ein Video von Wim Winters über Chopin gesehen hatte. Er war so inspiriert von der Tempoforschung, dass er am nächsten Tag einen Flug von Los Angeles nach Belgien buchte, um mehr zu erfahren. Diese Begegnung führte zu einer künstlerischen Zusammenarbeit, die auf historischer Aufführungspraxis basiert.

Das historische Instrument

Die Aufnahmen entstehen auf einem 6-oktavigen Hammerflügel, gebaut 2019 vom belgischen Instrumentenbauer Joris Potvlieghe, basierend auf einem Originalinstrument von Johann Fritz aus Wien (1816). Dieses Instrument wurde speziell für dieses Tempoprojekt entworfen und bietet nach Ansicht der Macher eine außergewöhnlich klare und singende Oberstimme, die für die Vermittlung von Chopins musikalischer Sprache unerlässlich ist.

Die Wahl eines Wiener Instruments ist kein Zufall. Obwohl viele Hörer Chopin mit französischen oder späteren romantischen Klavieren assoziieren, wuchs er mit Wiener Instrumenten auf, die sein Verständnis von Klang, Balance und Artikulation prägten.

Was man hört

Die Box-Set umfasst fünf CDs mit einer großen Auswahl von Chopins Klavierwerken: die kompletten Études Op. 10 und 25, die vier Scherzi, die vier Balladen und die 24 Préludes Op. 28. Für Werke ohne Metronommarkierungen wandten sich die Macher an Theodor Kullak, einen der prominentesten Schüler von Czerny, dessen Tempoangaben konsequent mit Chopins eigenem Tempoempfinden übereinstimmen.

Bemerkenswert ist die Aufnahmemethodik: Die Musik wird im Authentic Sound Studio mit einem vollständig restaurierten Studer A80-r Spulentonbandgerät aus 1981 aufgenommen, ausgewählt für seinen einzigartigen räumlichen Charakter und seine Wärme. Dieser minimalistische, analoge Prozess spiegelt nach Ansicht der Macher den Geist des Projekts wider: einfach, fokussiert und rein.

Höre hier ein Stück: 12 Études, Op. 10

Zukunftspläne

Dieses Chopin-Projekt ist das erste Buch in einer möglichen mehrteiligen Erkundung seiner Klaviermusik. Der Pianist Sanna konzentriert sich derzeit auf die Vollendung seines Beethoven-Zyklus, aber mit außergewöhnlicher Unterstützung würde die Produktion von Band 2 der Chopin-Serie 2027 Priorität erhalten.

Ein besonderer Ausblick ist die geplante Restaurierung eines originalen Pleyel-Pianinos aus dem Jahr 1838 – das gleiche Modell, das Chopin auf Mallorca bei sich hatte, wo er die Präludien komponierte. Sollte die Finanzierung klappen, würde dieses historische Instrument für eine neue Aufnahme der Präludien verwendet, was sie in die genaue Klangwelt zurückbringen würde, in der sie entstanden sind.

Ob dieses Projekt unsere Wahrnehmung von Chopin wirklich verändern wird, bleibt abzuwarten. Aber es bietet eine faszinierende Gelegenheit, neu zu entdecken, wie einer der größten Komponisten der Welt seine Musik wirklich klingen lassen wollte.

Detalhes:

Título:

  • Was wäre, wenn wir Chopin immer falsch gespielt hätten?

Künstler:

  • Wim Winters

Fotografie:

  • Wim Winters / Authentischer Klang

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