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Klassik Zentral

Lüttich setzt auf tausend Farben: Das Orchestre Philharmonique Royal de Liège enthüllt eine ehrgeizige Saison 2026-2027

Es gibt Saisonbroschüren, die man durchblättert und wieder weglegt. Und es gibt solche, die einen sofort zum Planen bringen. Die des Orchestre Philharmonique Royal de Liège – für viele kurz das OPRL – fällt zweifellos in die zweite Kategorie.

Aber lass dich von dem Motto nicht täuschen Ein Orchester, tausend Farben. Diese tausend Farben sind kein Marketingslogan. Sie beschreiben eine echte künstlerische Philosophie: Tradition nicht als sorgfältig unter Glas verwahrtes Erbe, sondern als Material in Bewegung. Mehr als hundert Konzerte, neunzehn thematische Pfade und eine dramaturgische Kohärenz, die alles zusammenhält. Das ist keine Fassade. Das ist eine klare künstlerische Vision.

Bringuier baut weiter

Musikdirektor Lionel Bringuier – der charismatische Franzose, der das Orchester in der vergangenen Saison deutlich voranbrachte – beginnt seine zweite Saison mit einer klaren, aber nicht zwingenden Ausrichtung. Das große Repertoire bekommt seinen vollwertigen Platz: Rachmaninow, Brahms, Mahler, Tschaikowski, Schostakowitsch, Saint-Saëns und Mozart glänzen auf dem Programm. Aber Bringuier ist zu neugierig, um es dabei zu belassen. Philip Glass, Danny Elfman, Jonny Greenwood, Steve Reich und John Adams – Komponisten, die die Grenzen der klassischen Musik erweitern – bekommen mindestens genauso viel Podiumsraum.

Was an der großen sinfonischen Reihe auffällt, ist genau diese Weigerung, sich auf einen Stil zu beschränken. Das OPRL präsentiert sich als offenes System, in dem französische sinfonische Tradition, spätromantische Großformen und amerikanische zeitgenössische Stimmen sich nicht verdrängen, sondern modulieren. Klar strukturiert, aber offen in der Ästhetik.

Carlos Simon als strukturelle Gegenstimme

Der kreative Schlüssel der Saison ist Carlos Simon, ein amerikanischer Komponist, der als Composer in Residence am Werk ist. Seine Musik – verwurzelt in afroamerikanischen Traditionen, Spirituals und Jazz – fungiert nicht als exotische Ergänzung oder obligatorischer Aktualitätsbaustein, sondern als vollwertige Gegenstimme im Repertoire. Beethoven und Simon existieren nicht nebeneinander auf dem Programm: Sie werden bewusst im gleichen Spannungsfeld positioniert.

Sein neues Werk wird am 8. und 9. Oktober mit nicht anderem als Hilary Hahn als Solistin uraufgeführt. Wenn das kein Statement ist.

Ein Sternenhimmel von Solisten

Die Liste der Solisten ist beeindruckend und vielfältig. Behzod Abduraimov eröffnet die Saison am 17. September mit Tschaikowskis Erstem Klavierkonzert. Joe Lovano bringt am 25. September eine Hommage an John Coltrane – hundert Jahre nach dessen Geburt – in dem, was ein Abend werden verspricht, der Jazz-liebende Klassik-Fans und Klassik-liebende Jazz-Fans gleichermaßen in die Salle Philharmonique zieht. Ton Koopman dirigiert am 3. Oktober Mozart und Beethoven auf authentische Weise. Evelyn Glennie schlägt im März auf ihrem Schlagwerk das Konzert von Jennifer Higdon in einem Programm rund um Steve Reich.

Für die Klavierrezitale gibt es Benjamin Grosvenor (29. November), Anna Vinnitskaya (24. Januar) und Kirill Gerstein (4. April). Aber diese Rezitale sind mehr als eine Beigabe zur großen sinfonischen Geschichte. Im intimen Kontext eines Solokonzerts verschiebt sich die Perspektive völlig: das Klavier als konzentriertes Orchester im Miniaturformat. Vergiss dabei auch nicht die Orgelrezitale an der authentischen Schyve-Orgel, bei denen der Saal selbst als Resonanzraum funktioniert. Tausend Farben, aber dann in extremer Konzentration.

Das Publikum als Mitprogrammierer

Auch in der Publikumsarbeit spiegelt sich diese gleiche Philosophie der Vielfalt wider. L'Heure Symphonique wird erneuert: Konzerte um 19 Uhr, kompakt auf etwa sechzig Minuten gehalten. Keine Vereinfachung, sondern eine Neudefinition von Intensität. Musikfabrik nähert sich dem Repertoire fast auf laboratoriumähnliche Weise. OPRL+ sucht die Kreuzbestäubung mit anderen Künsten. Die kostenlosen Konzerte – Musik um Mittag dienstags, der Spezialausgabe Veranstaltungen – sorgen dafür, dass die Hemmschwelle zur Salle Philharmonique auch buchstäblich niedrig bleibt.

Und dann gibt es das À-la-carte-Abonnement, bei dem der Hörer nicht länger an ein vorgegebenes Saisonpaket gebunden ist, sondern sich selbst seinen Weg zusammenstellt. Das Orchester verschiebt sich damit von institutioneller Programmierung zu einem Modell der gemeinsamen Kuratorenschaft. Wer das theoretisch klingt: Es bedeutet einfach, dass du selbst wählst, was du hören möchtest, und dass das OPRL dich darin ernst nimmt.

Warum Lüttich die Reise wert ist

Für Klassikliebhaber in Belgien ist die Salle Philharmonique eigentlich ein offenes Geheimnis. Lüttich liegt für die meisten Flamen näher, als sie manchmal denken, und der Saal hat etwas, das nicht selbstverständlich ist: eine Akustik, eine Architektur, eine Atmosphäre, die ein Konzerthaus erst wirklich zum Leben erweckt. Und jetzt auch ein Orchester, das sich weigert, ein Monument zu sein.

Unter Bringuier ist das OPRL weniger ein Endpunkt geworden als ein Durchfluss von Farben, Spannungen und Neuinterpretationen – eher eine Werkstatt als ein Tempel. Wenn sich diese Ambition auch auf der Bühne in derselben Präzision und Neugier widerspiegelt wie in der Programmierung, dann wird dies keine Saison, die einfach nur „präsentiert" wird. Dann ist es eine Saison, die sich entfaltet – Abend für Abend, Farbe für Farbe.

Einzelne Tickets gehen ab 8. Juni in den Verkauf. Abonnements sind bereits verfügbar. Wer bereits sicher weiß, dass Hilary Hahn im Oktober oder Nelson Goerner im April im Kalender nicht fehlen darf, sollte nicht warten.

 

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  • Lüttich setzt auf tausend Farben: Das Orchestre Philharmonique Royal de Liège enthüllt eine ehrgeizige Saison 2026-2027

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  • OPRL
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