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Klassik Zentral

In Berlin spielt die Zukunft – und was für eine Zukunft: Young Euro Classic 2026

Es gibt Festivals, die vor allem ihre eigene Tradition feiern. Und es gibt Festivals, die zeigen, wie die Zukunft aussieht. Young Euro Classic gehört seit Jahren zur zweiten Kategorie. Wer diesen Sommer zwischen dem 31. Juli und 16. August das Konzerthaus Berlin betritt, sieht kein Museum der klassischen Musik, sondern einen lebenden Organismus: junge Musiker aus Europa, Asien, Afrika und Amerika, die sich mit selbstverständlicher Freiheit durch Repertoire, Stile und Traditionen bewegen.

Das ist vielleicht das größte Verdienst von Young Euro Classic. Das Festival gibt schon lange nicht mehr vor, dass klassische Musik eine abgeschlossene europäische Disziplin wäre. Die siebenundzwanzigste Ausgabe trägt den Untertitel Vertrauen als Klang – Vertrauen als Klang. In Zeiten zunehmenden Pessimismus ist das eine mutige programmatische Wahl von Festivaldirektor Dr. Gabriele Minz und künstlerischen Leitern Alban Gerhardt und Mathias Hinke. Nicht der naive Optimismus derer, die die Realität ausblenden, sondern der Glaube, dass Musik Verbindungen schafft, die Worte nicht können. Und dieser Optimismus wirkt ansteckend.

Das Programm liest sich wie eine musikalische Weltkarte. Das Bundesjugendorchester eröffnet am 31. Juli mit Rachmaninoffs Drittem Klavierkonzert, gespielt vom 25-jährigen Georgier Giorgi Gigashvili unter der Leitung des gleich jungen Aurel Dawidiuk. Sofort ist der Kern des Festivals in einem Konzert zusammengefasst: jugendliche Virtuosität gekoppelt mit einer Repertoiretradition, die ständig neu beansprucht wird. Zweimal fünfundzwanzig Jahre auf der Bühne: da wird es funken.

Das Klavier als Weltinstrument

Auffällig in diesem Jahr ist die prominente Präsenz des Klaviers. Als wolle Young Euro Classic bewusst zeigen, wie vielseitig das Instrument geworden ist. Von Brahms und Tschaikowski bis Chen Qigang und Chary Nurymov: jedesmal bekommt das Klavier eine andere kulturelle Färbung. Das Youth Symphony Orchestra of Ukraine kehrt nach Berlin zurück mit Brahms' Erstem Klavierkonzert unter der Leitung von Oksana Lyniv (1. August). Ein solcher Auftritt bekommt natürlich einen politischen Unterton, aber Young Euro Classic ist klug genug, um nicht in symbolische Rhetorik zu verfallen. Die Kraft des Festivals liegt genau darin, dass Musik hier nicht als Illustration der Aktualität dient, sondern als autonome künstlerische Sprache funktioniert.

Einen Tag später schleudert Joseph Moog mit dem Orchestre National des Jeunes du Luxembourg Rachmaninoffs Rhapsodie über ein Thema von Paganini in den Saal (2. August). Das National Youth Orchestra of the USA kommt am 4. August mit Kirill Gerstein und Gershwins Klavierkonzert in F-Dur, das Orchester des Zhejiang Conservatory of Music bringt am 5. August Chen Qigangs Er Huang – ein Werk, das östliche Klangwelten in eine üppige, fast impressionistische Orchestersprache einbezieht – und das Youth Symphony Orchestra of Turkmenistan lässt am 9. August hören, wie Folklormotive und Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts im Klavierkonzert von Chary Nurymov mühelos zusammengehen. Es ist fast zu viel des Guten. Fast.

Am 3. August steht ein historischer Moment auf dem Programm. Das European Union Youth Orchestra feiert sein fünfzigjähriges Bestehen. Die spanische Violinistin María Dueñas, eine der aufregendsten jungen Solistinnen des Augenblicks, spielt Brahms' Violinkonzert. Rachmaninoffs Zweite Symphonie vervollständigt mit Dirigentin Elim Chan das Programm. Wer behauptet, dass das europäische Ideal kulturell ausgehöhlt ist, braucht am 3. August nur zuzuhören.

Die Angelika Prokopp Sommerakademie der Wiener Philharmoniker (14. August) bringt unsere Landsmännin Anneleen Lenaerts als Solistin für Glières selten aufgeführtes Harfenkonzert in Es-Dur. Es ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, zu hören, wie ihre überlegene Beherrschung und verfeinerte Phrasierung mit den jungen, hungrigen Streichern der Wiener Schule dialogieren. Eine seltene Chance, ein unterschätztes Meisterwerk unter idealen Bedingungen zu hören.

Tradition ohne Grenzen

Jedes Jahr hat Young Euro Classic seine Debütanten, und die sind in diesem Jahr bemerkenswert interessant. Das Überraschendste ist vielleicht das des Slovenian Youth Orchestra (13. August). Sie bringen nicht nur Beethovens Fünfte, sondern auch die deutsche Uraufführung von Entropie, einem Konzert für E-Bass und Orchester von und mit Lauri Porra – dem finnischen Metalbassisten, der zufällig auch der Ururenkel von Jean Sibelius ist. Neben Beethovens unwillkürlichen architektonischen Gesetzmäßigkeiten verspricht diese Kreuzbefruchtung, die traditionellen Orchestergrenzen auf gesunde Weise aufzubrechen. Wenn das nicht Young Euro Classic in seiner reinsten Form ist, weiß ich auch nicht mehr.

Zum allerersten Mal in der Festivalgeschichte wird ein ganzer Abend nicht einem Instrumentalorchester anvertraut, sondern einem Chor. Das Estonian National Opera Boys' Choir (15. August) bringt die jahrhundertealte baltische Chortradition auf die Berliner Bühne. In einer Zeit, in der vokale Polyphonie oft an den Rand der großen Konzertsäle gedrängt wird, ist dies ein kraftvolles Statement: die Stimme als das reinste und unmittelbarste Instrument menschlicher Verbindung.

Young Euro Classic ist längst nicht mehr nur ein Festival für die große Symphonie. Die Jazzspur ist in diesem Jahr besonders stark. Das Jong Metropole Symphonic Jazz Orchestra eröffnet die Jazzabende am 6. August mit brasilianischen und kubanischen Rhythmen unter der Leitung von Jacomo Bairos. Pedro Carneiro und das Jovem Orquestra Portuguesa (7. August) nehmen das Publikum mit in die Klangwelt der Saudade, jene wehmütige portugiesische Sehnsucht, die unübersetzbar ist, aber unverkennbar klingt. Der Höhepunkt wird das Jakob Manz & Karthik Mani Project (11. August): eine Begegnung zwischen südindischer Musik und zeitgenössischem Jazz, auf Initiative des Festivals selbst. Solche Konzerte zeigen, wie selbstverständlich junge Musiker heute zwischen Genres navigieren.

Auch wenn das Orchestra of the Americas mit dem Penderecki Youth Orchestra zusammenarbeitet (10. August), entsteht keine beliebige multikulturelle Schau, sondern ein ernsthaftes musikalisches Projekt. Die deutsche Uraufführung von Gabriela Ortiz' Antropolis – von der dreifachen Grammy-Preisträgerin – passt perfekt in diese Logik: zeitgenössische Musik nicht als verpflichtendes Intermezzo präsentieren, sondern als wesentlichen Bestandteil des heutigen Repertoires.

Die Musik von morgen

Zum vierten Mal organisiert Young Euro Classic seine Reihe FUTURE NOW Musical Diaries. Fünf Ensembles aus Tadschikistan, Vietnam, Marokko, Argentinien und Berlin präsentieren sich jeden Samstagvormittag vor den großen Abendkonzerten. Was hier geschieht, hat wenig mit der klassischen Debatte zwischen Erneuerung und Tradition zu tun. Das vietnamesische Projekt Lách Tách (2. August) lässt die elektronische Avantgarde auf die jahrtausendealte Ả Đào-Gesangstradition treffen, das marokkanische Ensemble JISR (8. August) schlägt eine Brücke zwischen arabisch-andalusischer Modalität und zeitgenössischen Kompositionstechniken, das argentinische ni-va Music Ensemble arbeitet mit Synthesizern und algorithmischen Strukturen. Young Euro Classic scheint den Gegensatz zwischen Erneuerung und Tradition einfach hinter sich gelassen zu haben. Für diese Generation von Musikern gibt es keine grundlegende Trennung mehr zwischen Sinfoniekultur, Jazz, elektronischer Musik oder lokalen Traditionen. Alles kann Material werden. Wer nur die Abendkonzerte besucht, verpasst eine ganze Welt.

Nach einer mehrjährigen Pause kehren auch die Konzerteinführungen zurück. Für eine Auswahl der Abendkonzerte werden Experten eingeladen, um im Werner-Otto-Saal das Programm zu erläutern. Für den kritischen Zuhörer sind sie ein unverzichtbarer Kompass, um die historische Schichtung und kompositorischen Feinheiten im Voraus zu verstehen. Und manchmal reichen diese kurzen Gespräche einfach aus, um einen neugierigen Besucher in einen überzeugten Liebhaber zu verwandeln.

Während viele europäische Kulturhäuser mit Überalterung, Identitätsfragen und der Frage kämpfen, wie relevant klassische Musik heute noch sein kann, scheint Young Euro Classic bemerkenswert entspannt in die Zukunft zu blicken. Nicht aus Nostalgie nach einem verschwundenen Europa, sondern aus Neugier auf das, was Musik weltweit geworden ist: mobil, hybrid, mehrsprachig und kulturell durchlässig. In Berlin erklingt diesen Sommer keine defensive Kultur, sondern ein offenes Gespräch zwischen Generationen, Kontinenten und Traditionen.

Vielleicht ist das letztendlich das größte Verdienst von Young Euro Classic: Das Festival beweist, dass die Zukunft der klassischen Musik nicht irgendwo am Horizont liegt, sondern sich hier und jetzt bereits vollzieht – in jungen Musikern, die ohne Minderwertigkeitskomplexe die Welt in den Konzertsaal bringen. Klassik Zentral zieht diesen Sommer bewusst nach Berlin und berichtet vor Ort über die bemerkenswertesten Konzerte und Entdeckungen.

 

 

Detalhes:

Título:

  • In Berlin spielt die Zukunft – und was für eine Zukunft: Young Euro Classic 2026

Datum:

  • 31. Juli 2026

Fotografie:

  • MUTESOUVENIR | KAI BIENERT, Tom Schweers, Guillermo Martinez

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