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Rezensionen

Wagners Bayreuth unter dem Bann von... Gluck

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· 7 Min. Lesezeit
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Wagners Bayreuth unter dem Bann von... Gluck
© Gluck Festspiele

Kein Wagner in Bayreuth? Oh ja, doch, keine Ecke oder Kante in dem schönen Bayreuth ohne Wagner ist denkbar. Er steckt sogar in Passwörtern von Logins versteckt. Wagner ist glücklicherweise nicht mehr allein. Es gibt Bayreuth Barock und kürzlich war Gluck der Publikumsmagnet.

Christoph Willibald von Gluck (1714-1787), der Untergeschätzte, so gut wie zwischen den Falten der Musikgeschichte verschwundene Komponist, ohne den es keinen Klassizismus gegeben hätte und möglicherweise weder Mozart noch Wagner. Wer kennt von ihm wirklich mehr als 'Ach, ich habe sie verloren' und das Ballett aus seinem Orfeo ed Euridice? Wenige. Das Gluckfestival bringt nun Wandel in dieser Missachtung und knapp 240 Jahre nach dem Tod des genialen Komponisten erhält er wieder die Anerkennung, die ihm zusteht. Wagner wusste sehr wohl, wofür Gluck stand und er bearbeitete dessen Musik. Das sagt schon genug, dass dieser nicht ganz einfache Mensch Richard Wagner das tat. Ob diese Bearbeitungen gelungen sind, das steht zur Diskussion offen, aber alles muss in seiner Zeit gesehen und verstanden werden.

Die 'Gluck Festspiele 2026' die das Thema Amor & Psyche in den Fokus rücken, luden eine Anzahl von Musikkritikerinnen und Musikkritikern ein, um zwei Opern von Gluck kennenzulernen und darüber zu berichten. Eine in einer Bearbeitung von Wagner, Iphigenie in Aulis, die andere, Paride ed Elena, in Originalfassung. Der Rahmen für die Wagnersche Gluck war in dem (noch nicht vollständig fertiggestellten) Komplex Friedrichsforum, der 'Großer Saal' und für die Oper Paride ed Elena wählte man das Markgräfliche Opernhaus. Letzteres ist, zurecht, UNESCO-Weltkulturerbe. Ein Rokoko-Saal und eine Bühne mit auffallend vielem Trompe-l'œil-Wandmalwerk neben gediegen ausgeführtem Holzschnitzwerk und Stuckwerk. Bemerkenswert ist, dass alle großen Gardinen, die normalerweise aus roten Samt sind, hier einfach Teil des Trompe-l'œil-Wandmalwerks sind.

Iphigenie in Aulis oder noch Gluck in den Augen Wagners


Der stark erneuerte Großer Saal im seit Jahren renovierenden Friedrichsforum empfing die Musiker und das Publikum, um zu hören und zu erleben, wie Wagner die heute faktisch unbekannte Oper Iphigenie in Aulis von Gluck nach seinen Vorstellungen gestaltete und wie er das Original respektierte. In diesem Respekt ist er erfolgreich. Sein Temperament hat aus dieser Oper, die neben den Soli auffallend viel Aufmerksamkeit dem Chor und selbstverständlich dem Orchester gibt, ein ziemlich intensives Ganzes gemacht, das etwas überwältigend wirkt. Schön ist es gewiss, ungewöhnlich auch. Wir hörten ein musikalisches Ganzes unter der Leitung von Michael Hofstetter, das in sehr guter Verfassung war und vollständig in einer konzertanten Aufführung aufging. Man entschied sich bewusst dafür, um mehr Aufmerksamkeit auf die für die meisten unter uns unbekannte Musik zu legen und um die Bedeutung von Gluck für die Oper nach ihm zu unterstreichen. Denn es muss gesagt und geschrieben werden: Ohne Gluck würde es möglicherweise durchwurstelt werden und das Musiktheater könnte möglicherweise aussterben, weil es auf lange Sicht die Menschen möglicherweise langweilen könnte in den damaligen turbulenten Zeiten von Neuerungen auf allen Ebenen der Gesellschaft.

[caption id="attachment_55656" align="alignnone" width="650"]Die Ausführenden der Reihe nach: Bo Skovhus, Agamemnon - Vero Miller, Klytaimnestra - Francesca Lombardi Mazzulli, Iphigenie - Aco Bišćević, Achilleus - Christian Miedl, Kalchas - Soula Parassidis, Pallas Athena – das Chor Cantus Thuringia - ThüringenPhilharmonie Gotha-Eisenach - Michael Hofstetter, Dirigent Die Ausführenden der Reihe nach: Bo Skovhus, Agamemnon - Vero Miller, Klytaimnestra - Francesca Lombardi Mazzulli, Iphigenie - Aco Bišćević, Achilleus - Christian Miedl, Kalchas - Soula Parassidis, Pallas Athena – das Chor Cantus Thuringia - ThüringenPhilharmonie Gotha-Eisenach - Michael Hofstetter, Dirigent[/caption]

Reines Paride ed Elena auf meiner Top 3!


Vielleicht bin ich etwas kurz in meiner Besprechung von Iphigenie in Aulis, aber dAs? Das hat einen Grund und dieser Grund ist die Aufführung der Oper Paride ed Elena. Musikalisch gestaltet von demselben engagierten Dirigenten – ein Mann, der meditiert, bevor er anfängt – und demselben Chor, mit anderen Sängerinnen und Sängern allerdings und diesmal mit nichts weniger als der Akademie für Alte Musik Berlin. Eine Sammlung von Musikerinnen und Musikern, die Garant war und ist für das Beste vom Besten und ob das bewiesen wurde.

Hofstetter, neben Dirigent auch Intendant der Gluck Festspiele 2026, wählte erneut für eine konzertante Aufführung. Man könnte es schade finden, weil solch eine griechische Tragödie nach einer schönen Dekoration verlangt, die in Falten fallende Kleidung der wohlhabenden griechischen Damen in jenen alten Zeiten und vieles mehr, aber das Theatralische vermisste niemand. Die Dekoration der Bühne an sich ist mehr als reich genug, ein barockes Ganzes von Harmonie und Symmetrie, das dem Auge genug gibt. Von der Schauspielerei, in solch einer Geschichte kann man nicht viel mehr erwarten als etwas steifes Hin- und Hergehen, aber es wurde hier geschickt ersetzt durch Sängerinnen und Sänger, die eine sehr ausdrucksstarke Mimik und abgewogene Gesten präsentierten, wobei man überhaupt keinen Bedarf an ergänzender Theaterkunst hatte.

Was das Auge betrifft, war es bereits mehr als zufriedenstellend, aber musikalisch erlebten wir etwas Unerreichtes. Ich übertreibe nicht: es war eine der drei besten Opernaufführungen, die ich je live erleben durfte. An erster Stelle steht und bleibt Don Carlos von Verdi durch die Opéra de Wallonie-Liège im Jahr 2020. Den zweiten Platz behalte ich mir nach einiger Überlegung mit mir selbst (Gewissensfrage) für Rigoletto von Verdi in Novi Sad 2019 vor, und nun, als dritter Platz oder ex aequo mit Rigoletto ist es diese Paride ed Elena. Drei völlig unterschiedliche Werke, aber mit der gleichen künstlerischen Inspiration, die eine bedingungslose Treue zum Original und größten Respekt vor dem Werk von Komponist und Librettist beinhaltet. Es ist ein Vergnügen, einen Dirigenten bei der Arbeit zu sehen, der vollständig von der Partitur aufgesogen wird und mit strahlender Lächeln seine Musiker inspirierend und sogleich auch ermutigend für ein Werk dirigiert, das man nicht kennt.

Unbekannt war diese Oper nicht, höre dir Mozarts Idomeneo an…


Was hat nun Idomeneo von Mozart mit dieser heute unbekannten Oper von Gluck zu tun? Nicht alles, aber mehr als man denkt. Mozart bringt mit Sicherheit in Idomeneo eine Ehrerbietung an Gluck mit dem Schlusschor. Die Kastratenrolle hat zwei ausgedehnte musikalisch ergreifende, zutiefst ergreifende Arien, die Virtuosität, Technik und vor allem ein sehr großes künstlerisches Talent erfordern und die das Publikum zum Verstummen bringen, kaum wagen zu atmen. Es sind Arien, die dich nicht mehr an Gluck denken lassen, sondern viel mehr an Mozart. Die Genialität steckt übrigens auch in den anderen Arien und sagen wir mal in der ganzen Partitur, aber dennoch ist diese Oper vielleicht noch mehr als Glucks Orfeo die Revolution in der Oper, die unter anderem zu Mozart führte.

Die künstlerischen Leistungen des berühmten Orchesters und des Chores waren bereits ergreifend, aber die Sänger mit ihrer begrenzten, dennoch so betonten Mimik und Gesten vermittelten das Ganze so, als wäre es eine szenische und überhaupt keine Konzertaufführung.

Wie am Vorabend war es ein Vergnügen, ausgezeichnete Sänger zu hören und eine Stimme zu hören, die man nie mehr vergessen kann. Die Professionalität des Trios Roberta Mameli als verliebte widerstrebende und eroberte Elena, Vanessa Waldhart in der Rolle der alles beherrschenden Amor und die hartnäckige, rachsüchtige Athena durch Soula Parassidis war von höchstem Niveau. Und dann Paride… Eine Kastratenrolle, die jetzt von Frauen gesungen wird, weil Männer, zum Glück!, nicht mehr im Alter von 12 Jahren um ihrer schönen Knabenstimme willen kastriert werden, erfüllt der Sänger - keine Sängerin - mehr als beeindruckend. Es gibt Männer, die singen können wie ein Kastrat, oder zumindest ungefähr, möglich dass es sich dennoch anders anfühlte, na gut. Ab und zu bekommst du einen von ihnen zu hören. Einer dieser Sänger ist Samuel Marino. Hochgeschult im künstlerischen Milieu mit Ballett und Gesang, Sohn von Universitätsprofessoren, die es, leider, schwer hatten mit ihrem Sohn, weil dieser doch 'anders' war. So hat er keinen vollständigen Stimmbruch bekommen, etwas Seltenes, aber Existierendes. Lesen Sie mehr über ihn über diesen Link.

Marino ist ein musikalisches Gottesgeschenk. Wie soll man ausdrücken, was nicht auszudrücken ist? Auf den verschiedenen Kanälen, wo man Musik hören kann, findest du Aufnahmen mit diesem einzigartigen Sänger, einem Sopranisten. Liebe Leser, macht euch daran, sucht, entdeckt und sucht, wo und wann ihr dieses musikalische Unikum erleben könnt. Und außerdem hast du inzwischen gelernt, dass Bayreuth viel mehr ist als nur Wagner, dank niemand Geringerem als, jawohl, Wagner.

Details

Wer
Iphigenie in Aulis : Bo Skovhus, Agamemnon - Vero Miller, Klytaimnestra - Francesca Lombardi Mazzulli, Iphigenie - Aco Bišćević, Achilleus - Christian Miedl, Kalchas - Soula Parassidis, Pallas Athene - Cantus Thuringia - Christoph Dittmar (instuderen koor) - ThüringenPhilharmonie Gotha-Eise
Wo
Bayreuth, Duitsland
Bildnachweis
Gluck Festspiele
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