Die Études von Frédéric Chopin (1810–1849) gehören zu den bemerkenswertesten Werken des Klavierrepertoires: Sie sind zugleich technische Studie, virtuoses Repertoire und vollwertige Konzertmusik. Gerade in dieser Doppelheit liegt ihre Anziehungskraft. Der Pianist muss die technischen Herausforderungen beherrschen, während sich hinter der Virtuosität ein reiches musikalisches und expressives Universum verbirgt. In seiner Einspielung der vollständigen Études bringt der österreichische Pianist Aaron Pilsan diese beiden Aspekte stets zusammen. Sein Spiel ist virtuos, doch die Technik wird nirgends zum Selbstzweck.
Pilsan spielt die zwölf Études op. 10 und die zwölf aus op. 25 zusammen mit den drei postum veröffentlichten Études ein, insgesamt 27 Stücke und gut 66 Minuten Musik. Die Aufnahme knüpft außerdem an seine früheren Bach-Projekte an. Im begleitenden Interview betont Pilsan die polyphonen Qualitäten von Chopins Klaviermusik und die Bedeutung der linken Hand als harmonisches und rhythmisches Fundament. Diese Sichtweise bestimmt auch, wie er diese Études spielt: Verschiedene Stimmen und musikalische Linien bleiben neben und unter der Melodie hörbar. So entsteht eine Interpretation, in der die technische Beherrschung vor allem dazu dient, die musikalische Vielschichtigkeit von Chopins Musik hörbar zu machen.
Zwischen Technik und Gesang
Schon bei der ersten Étude aus op. 10 hört man, wie selbstverständlich Pilsan die technischen Schwierigkeiten meistert. Die weiten Arpeggio-Figuren bleiben klar und erhalten zugleich eine deutliche musikalische Richtung. Die rechte Hand könnte hier leicht die Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, während die harmonische Entwicklung in den Hintergrund tritt. Bei Pilsan bleibt auch diese Unterschicht ständig hörbar. Das verleiht den lyrischeren Études zusätzliche Tiefe.
In Nr. 3 lässt Pilsan die Melodie nirgends größer werden als nötig. Der Gesang entsteht aus der Phrasierung und dem Verhältnis der Stimmen zueinander und berührt gerade dadurch. Einfach, aber außergewöhnlich empfunden. Auch in Nr. 6, mit ihrem dunklen und nach innen gekehrten Charakter, bleibt er bemerkenswert präzise. Dadurch erhält die Melancholie den nötigen Raum. Pilsan setzt nichts obendrauf und lässt die Musik selbst wirken.
Op. 10 erhält in dieser Interpretation außerdem regelmäßig einen energischen Impuls. In den Études Nr. 2, 4, 5 und 7 lässt Pilsan seine Fingerfertigkeit hören, stets innerhalb der musikalischen Bewegung. Zugleich klingt deutlich die Freude am Spiel mit. In Nr. 8 erhält der anmutige Charakter einen leicht romantischen Unterton, während unter der Oberfläche Spannung bleibt. Nr. 9 hat etwas Suchendes und wird äußerst fein gespielt. Nr. 10 gewinnt mehr Dynamik und Beweglichkeit und führt die Reihe zu ihrem Höhepunkt. In Nr. 12 findet Pilsan die nötige Dramatik und Romantik, um op. 10 eindringlich abzuschließen.
Schön ist zudem, wie die Études bei Pilsan als Ganzes klingen. Sie folgen einander wie zwölf Kapitel eines einzigen Romans. Jede Étude hat ihren eigenen Charakter, und doch spürt man, wie die Stücke miteinander verbunden sind.
Mehr als Virtuosität
In op. 25 verändert sich die musikalische Landschaft. Pilsan klingt hier deutlich anders als in op. 10. Die Musik gewinnt mehr Kontraste und bewegt sich ständig zwischen Leichtigkeit, Lyrik und Dramatik. Vor allem in der Art, wie er mit Rhythmus, Tempo und den verschiedenen Stimmen umgeht, entsteht eine große Abwechslung.
Das hört man schon in Nr. 1, in der der Rhythmus den Charakter stark bestimmt. Nr. 2 klingt beinahe wie ein Galopp und erhält von Pilsan einen spielerischen Charakter mit leichtem Anschlag. Auch Nr. 3 hat ein höheres Tempo, ohne je gehetzt zu wirken, und bekommt zudem etwas Modernes mit auf den Weg. In Nr. 5 gibt Pilsan den unerwarteten harmonischen Wendungen viel Raum, während die Musik ihre natürliche Bewegung behält. Nr. 7 wird beinahe zu einer kleinen musikalischen Welt für sich: Die Melodie erhält etwas Vokales, während die Begleitung die emotionale Unterschicht trägt. Aus Nr. 11 macht Pilsan ein eindrucksvolles Drama, in dem Kraft und Feinheit ständig einander gegenüberstehen. Nr. 12 schließt sich intensiv daran an, ohne dass die Dramatik je zu schwer wird.
Auch die Études aus op. 25 spielt Pilsan als durchgehenden Zyklus und behandelt die einzelnen Stücke nicht als lose virtuose Nummern. Musikalisch finde ich diese zweite Reihe vielleicht noch spannender als op. 10, gerade weil er so viele verschiedene Seiten dieser Musik hörbar macht. Wer bei Chopins Études vor allem die Extreme pianistischer Bravour sucht, wird bei Pilsan weniger Spektakel finden. Seine Lesart ist durchdacht und kontrolliert.
Nach der Heftigkeit
Die drei postum veröffentlichten Études bilden anschließend einen schönen Abschluss. Nach dem Reichtum und der Intensität von op. 10 und op. 25 klingt diese Musik kleinteiliger und konzentrierter. Die technischen Herausforderungen bleiben bestehen, doch Pilsan legt vor allem Wert auf Präzision und musikalische Aussagekraft. Er behandelt diese drei Stücke daher als vollwertige Bestandteile des Ganzen.
Nach der Heftigkeit, mit der op. 25 endet, führen sie den Hörer zurück in einen kleineren musikalischen Maßstab. Gerade dadurch bekommen die Nuancen alle Freiheit. Pilsan spielt sie mit großer Aufmerksamkeit für das Detail, ohne die Musik unnötig schwer zu machen.
Sein Umgang mit dem Rhythmus gehört zu den starken Seiten der Aufnahme. Schnelle Passagen bleiben beweglich und erhalten genügend Freiheit, um mechanische Starrheit zu vermeiden. Zugleich bewahrt Pilsan die Präzision, die nötig ist, um Chopins harmonische und rhythmische Linien klar zu halten. Diese Verbindung von Geschmeidigkeit und Kontrolle wirkt vor allem in den technisch anspruchsvollen Études überzeugend.
Daarmee wordt ook duidelijk waarom de vergelijking met Bach die Pilsan in het interview maakt, zo goed bij deze opname past. Hij heeft voortdurend oor voor de stemmen onder de melodie. De linkerhand zorgt daarbij niet alleen voor de harmonische basis, maar draagt ook de beweging en het ritme van de muziek. Zelfs minder opvallende lijnen krijgen zo gewicht. Dat geeft de afzonderlijke Études een sterke onderlinge verbondenheid.
Ook de opnamekwaliteit ondersteunt die helderheid. De piano klinkt ruimtelijk en natuurlijk, zonder dat de registratie de klank van het instrument opdringt. De opname werd in maart 2026 gemaakt in het Beethoven-Haus in Bonn. De akoestiek laat voldoende detail horen om de verschillende lagen in Chopins pianowereld te volgen, terwijl er genoeg resonantie overblijft om de muziek haar warmte te laten behouden.
Met deze opname realiseert Pilsan bovendien een project dat al langer naast zijn Bach-opnamen bestond. Zijn twee boeken van Bachs Wohltemperierte Klavier verschenen eerder bij Alpha; nu richt hij zich op de romantische pianoliteratuur. De link met Bach is daarbij meer dan een biografisch detail. Ze helpt te begrijpen waarom Pilsan in Chopin zoveel aandacht heeft voor stemmen, ritme en de manier waarop verschillende muzikale lijnen samenkomen.
Achter de vingers
Bij een integrale opname van Chopins Études volstaat technische beheersing niet. Pilsan doet meer dan dat. Zijn Chopin is virtuoos zonder pronkzucht, lyrisch zonder sentimentaliteit en precies zonder dat de spontaniteit verdwijnt.
Wat bijblijft, is de samenhang van het geheel. Pilsan maakt van deze verzameling technische uitdagingen geen etalage van pianistieke vaardigheid. Hij laat horen hoe rijk Chopins pianowereld wordt wanneer de techniek als middel tot expressie gaat functioneren. De techniek staat bij Pilsan nergens tussen de luisteraar en de muziek. Ze maakt haar juist hoorbaar.