Es gibt Abende, an denen ein Orchester weniger ein Programm spielt als vielmehr ein Gespräch führt – zwischen einem Solisten und einem Orchester, zwischen einem Komponisten und der Geschichte, zwischen Musik und Bild. Im Bozar begegneten sich Pēteris Vasks (°1946), Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) und William Kentridge (°1955) am Freitag, dem 18. September, in einem Programm, in dem Licht und Dunkelheit, Macht und Verletzlichkeit, Erinnerung und Vorstellungskraft einander unablässig berührten. Das Belgian National Orchestra (BNO) stand unter der Leitung von Eivind Aadland, mit Lorenzo Gatto als Solist in Distant Light und Kentridges Film Oh To Believe in Another World als visuelles Pendant zu Schostakowitschs Zehnter Sinfonie.
Dem Licht zuhören
Manche Musik verlangt jene merkwürdige kollektive Stille, in der ein Saal aufhört, Zuschauer zu sein, und nur noch zuhört. Distant Light des lettischen Komponisten Pēteris Vasks erhielt genau diese Aufmerksamkeit. Das Werk, für Gidon Kremer geschrieben, bewegt sich zwischen Verstummen und Aufwallen, zwischen fast zerbrechlicher Intimität und Momenten, in denen sich der orchestrale Klang verdichtet. Es ist Musik, die leicht in bloßer Atmosphäre versanden kann, doch dieser Aufführung blieb sie fern.
Lorenzo Gatto hatte sich die Partitur auf eine kaum nachahmbare Weise zu eigen gemacht. Er spielte nicht, als müsse er dem Publikum eine komplexe Komposition erklären, sondern als entstehe jeder Klang aus einer inneren Notwendigkeit. Jede Stimmung wusste er genau zu dosieren. Die Violine konnte sich bis zum zerbrechlichsten Pianissimo zurückziehen und anschließend wieder anschwellen, ohne dass auch nur ein Hauch von Effekthascherei darin lag.
Darunter bildeten die Streicher des BNO eine durchlebte, intensive Grundierung. Der Solist stand nirgends losgelöst vom Orchester, sondern schien sich unablässig mit ihm im Gespräch zu befinden. Die Violine als einsame Stimme, die nie ganz allein ist: genau darin lag die Stärke dieser Aufführung. Es war eine eindringliche Erfahrung. Der Applaus hätte meiner Meinung nach ruhig noch länger andauern dürfen, denn diese Interpretation stand wie ein Haus.
Sarkasmus unter der Oberfläche
Nach der Pause erklang Schostakowitschs Zehnte Sinfonie. Ein Werk, das fast automatisch historischen Ballast mit sich trägt, das zum Glück aber weit mehr ist als eine musikalische Rekonstruktion der Stalinjahre. Eivind Aadland entschied sich für eine klassische, klare Interpretation, in der die verschiedenen Schichten der Partitur alle Freiheit erhielten. Dadurch blieb die Musik unablässig in Bewegung zwischen Bedrohung, Ironie, Launenhaftigkeit und Tragik, ohne dass eines dieser Elemente das andere verdrängte.
Das BNO lieferte dabei eine starke Leistung. Die Hörner hatten genau die nötige Präsenz, das Schlagwerk setzte die dramatischen Akzente, ohne sie zu übertreiben, und vor allem der tiefe Streicherklang gab der Sinfonie eine dunkle Basis, auf der sich die verschiedenen Stimmen aufbauen konnten. Aadland vermied eine übertriebene Dramatisierung dessen, was bereits eine der aufgeladensten Partituren Schostakowitschs ist.
Der Sarkasmus des Komponisten kam dabei schön zur Geltung. Hinter den scheinbar einfachen Bewegungen und manchmal beinahe tänzerischen Passagen verbarg sich unablässig etwas Unbehagliches. Diese Doppelbödigkeit hielt die Musik auch in den ausgelassensten Momenten unter Spannung.
Wenn das Bild zu viel sagen will
Oh To Believe in Another World fügt sich selbstverständlich in Kentridges Residenz im Bozar ein. Der südafrikanische Künstler verbindet Schostakowitschs Musik mit einer visuellen Welt aus Revolution, Stalin, Terror, Propaganda und dem Menschen, der innerhalb eines totalitären Systems zu überleben versucht. Archivbilder, handgezeichnete Projektionen und lebensgroße Marionetten wechseln einander ab. Besonders die Puppen wirken stark: Menschen, die buchstäblich und im übertragenen Sinne durch ein System gesteuert werden. Sie sind zugleich das stärkste Element des Films.
Doch je weiter der Film voranschreitet, desto mehr wird es mir zu viel des Guten. Kentridge türmt Fragen, Zitate, Verweise und neue Bilder aufeinander. Was anfangs fasziniert, beginnt zu ermüden. Der Film verlangt so viel Aufmerksamkeit für seine eigene Bildsprache und ihre Bedeutungen, dass man als Zuschauer immer stärker mit deren Entschlüsselung beschäftigt ist und immer weniger mit dem, was die Musik selbst erzählt. Auch der starke Ausgangspunkt der Marionetten verliert dadurch an Kraft. Und was das wiederkehrende Bild eines Schwimmbeckens – mal leer, mal voll, mit Schostakowitsch auf dem Sprungbrett, der eine kleine Fahne schwenkt – genau zum Ganzen beitragen soll, blieb mir nach dem Abend ein Rätsel.
Die Musik hält stand
Was diesen Abend letztlich so stark machte, war, dass die Aufführung des BNO keineswegs eine Soundtrack-Begleitung zu Kentridges Film war. Die Zehnte Sinfonie stand vollständig auf eigenen Füßen. Aadland und sein Orchester machten die Tragik, Ironie und den Sarkasmus Schostakowitschs spürbar, ohne dass dafür ein Bild nötig gewesen wäre. Im Gegenteil: Wo der Film mich im Laufe der Zeit abhängen ließ, hielt mich die Musik von der ersten bis zur letzten Note gefangen.
Die Zusammenarbeit zwischen dem BNO und Aadland bewies auch diesmal ihre Kraft. Distant Light erhielt mit Lorenzo Gatto eine Interpretation, die tiefen Eindruck hinterließ. Auch Schostakowitschs Zehnte bewahrte in dieser Aufführung ihre volle Aussagekraft. Musikalisch war dies ein Spitzenabend. Die Musik hatte das Bild nicht nötig.