Einer meiner allerersten Artikel für dieses Magazin handelte von Monteverdis Vespro della Beata Vergine. Und noch viel früher, in einer Zeit, in der CDs noch keine Selbstverständlichkeit waren, nahm ich mir vor, das gesamte Werk Monteverdis auf Kassetten für den eigenen Gebrauch aufzunehmen. Sagen wir es so: Ich hege seit vielen Jahren eine Schwäche für diesen maestro di cappella. Vielleicht sogar mehr als eine Schwäche.
Die Folge davon ist, dass ich stets besonders neugierig bin, wenn jemand verspricht, einen neuen Blick auf die Vespern zu bieten. Das kommt schließlich nicht mehr so oft vor. Das Werk gehört inzwischen zu den meistaufgenommenen Partituren des Frühbarock, und der Katalog quillt über von hervorragenden Versionen.
Dennoch gelingt es Lambert Colson mit seinem Ensemble InAlto, genau das zu tun.
Diese Aufnahme liegt inzwischen schon eine Weile auf meiner digitalen Ablage. Ich habe sie bewusst reifen lassen. Zuerst hören. Dann noch einmal hören. Danach das ausführliche Booklet lesen. Anschließend erneut hören. Manche Aufnahmen brauchen etwas Zeit, zahlen die Investition aber doppelt und dreifach zurück. Dies ist eine davon.
Nicht restaurieren, sondern rekonstruieren
Colson geht von einer einfachen Frage aus: Was führen wir heute eigentlich auf, wenn wir die „Monteverdi-Vespern“ aufführen?
Seiner Ansicht nach ist die Aufführungspraxis der letzten fünfzig Jahre zu einer Anhäufung gut gemeinter Interpretationen geworden. Generationen von Dirigenten haben die Besetzung angepasst, Instrumente hinzugefügt oder weggelassen, Tempi verändert, Continuo-Gruppen erweitert und dramaturgische Akzente gesetzt. Immer aus Liebe zur Musik und stets aus dem Wunsch nach Authentizität. Aber was, wenn all diese aufeinanderfolgenden Anpassungen inzwischen selbst zu einer Tradition geworden sind?
Mit dem berühmten Paradox des Schiffs des Theseus als Leitfaden stellt er die Frage, ob wir nicht allmählich ein anderes Schiff betrachten als das Monteverdis selbst. Deshalb entscheidet er sich bewusst nicht für Restaurierung, sondern für Rekonstruktion. Nicht der Versuch, zu einem unerreichbaren Ursprung zurückzukehren, sondern die Frage, unter welchen Umständen diese Musik Bedeutung erhielt.
Ich muss zugeben: Dieser Ausgangspunkt sprach mich sofort an. Ich war immer fasziniert vom Kontext, in dem Musik entsteht. Manchmal versteht man ein Werk besser, wenn man kurz den Konzertsaal verlässt und sich fragt, warum ein Komponist bestimmte Entscheidungen getroffen hat.
Zurück ins Mantua von 1610
Diese Rekonstruktion schlägt sich in einer Reihe radikaler Entscheidungen nieder.
Colson versucht nicht, die Vespern als abstraktes Meisterwerk aufzuführen, sondern als konkreten Vespergottesdienst zum Fest Mariä Himmelfahrt im Mantua des Jahres 1610. Dafür werden bestimmte Antiphonen aus Mantuaner Quellen ausgewählt und in die liturgische Struktur eingefügt, für die sie ursprünglich bestimmt waren. Den gregorianischen Choral übernimmt die Cappella di San Petronio di Bologna unter der Leitung von Michele Vannelli. Die Aufnahme entstand zudem in der Basilica di Santa Barbara in Mantua, wo auch die historische Orgel von Antegnati eine zentrale Rolle spielt.
Eine Entdeckung in den Motetten
Vielleicht war meine größte Entdeckung Colsons Sicht auf die fünf Konzerte bzw. Motetten.
Ich habe die Vespern dutzendmal gehört, ohne jemals wirklich innezuhalten und ihren inneren Zusammenhang zu bedenken. Colson liest diese Werke, inspiriert von der Forschung Jeffrey Kurtzmans, als bewusst aufgebaute theologische Entwicklung. Nigra sum, Pulchra es, Duo Seraphim, Audi coelum und Sonata sopra Sancta Maria bilden einen symmetrischen Bogen aus einer, zwei, drei, zwei und wieder einer Stimme. Der Weg führt gleichsam zur Mitte hin, zur Offenbarung der Dreifaltigkeit.
Kleines Ensemble, große Wirkung
Die Besetzung entspricht diesem Konzept perfekt.
Wo einige Aufführungen auf monumentalen Chorklang setzen, wählt Colson für jede Stimme einen einzelnen Sänger. Nur klingt es keineswegs so.
Beim Hören fiel mir vor allem auf, wie reich das Ganze klingt. Transparent, ja. Durchsichtig, absolut. Zugleich aber auch überraschend voll. Es gibt Momente, in denen man fast schwören würde, dass hinter dieser Aufnahme ein weit größeres Ensemble steckt.
Durch diesen Ansatz treten die Sänger auf ganz natürliche Weise hervor. Nicht als Solisten, die sich aus dem Ensemble lösen, sondern als Musiker, die gemeinsam eine Geschichte erzählen. Ich verwende bewusst das Wort bescheiden, und zwar als Kompliment. Niemand versucht hier, die Show zu stehlen. Alles steht im Dienst der Musik.
Der gregorianische Choral
Der Einsatz der gregorianischen Antiphonen in diesen Vespern berührt mich jedes Mal.
Sie holen die Vespern aus dem Konzertsaal und stellen sie zurück in einen lebendigen liturgischen Raum. An manchen Stellen hatte ich weniger das Gefühl, einer Aufnahme zu lauschen, als einem Gottesdienst, der sich langsam vor meinen Ohren entfaltete.
Die Antiphonen werden sehr langsam und getragen gesungen. Das stört nirgends, ganz im Gegenteil. Die Qualität des Gesangs der Cappella di San Petronio di Bologna ist beeindruckend. Ich hätte mir jedoch etwas mehr Information über die konkrete Aufführungspraxis hinter dieser Entscheidung gewünscht. Warum genau dieses Tempo? Soll es einen stärkeren Kontrast zu Monteverdis virtuosem konzertierenden Stil schaffen? Oder liegt eine historische Quelle zugrunde?
Orgel, Chiavette und Raum
Auch bei der instrumentalen Ausgestaltung wird nichts dem Zufall überlassen.
Die historischen Orgelregistrierungen, die Monteverdi notiert, vor allem im Magnificat, werden hier nicht als Aufführungsdetails behandelt, sondern als strukturelle Elemente der Komposition. Die prachtvolle Antegnati-Orgel in Santa Barbara erhält dadurch eine Rolle, die weit über bloße Begleitung hinausgeht.
Interessant is ook Colsons aandacht voor het systeem van de chiavette. Voor de niet-ingewijde lezer: bepaalde notaties uit de renaissance waren bedoeld om lager uitgevoerd te worden dan ze op papier staan. Vaak ongeveer een kwart lager. Dat beïnvloedt niet alleen de ligging van de stemmen, maar ook de kleur van het geheel, de balans met de instrumenten en uiteindelijk de volledige klankwereld van de uitvoering.
Nog een detail dat veel zegt over zijn esthetiek: Colson vermeldt expliciet dat de opname gerealiseerd werd zonder dirigent in de traditionele betekenis van het woord. Dat hoor je misschien niet onmiddellijk, maar je voelt het wel. De muziek ademt als één lichaam. Luisteren naar elkaar is belangrijker dan bevelen geven.
Meer dan een opname
Na verschillende luisterbeurten besefte ik dat de aantrekkingskracht van deze dubbel-cd niet zit in spectaculaire effecten.
Je wordt niet overdonderd door massieve koren. Er zijn geen theatrale gestes die om aandacht schreeuwen. Wat blijft hangen, is iets veel subtielers: het gevoel dat iemand geprobeerd heeft te begrijpen waarom deze muziek ooit geschreven werd.
En dat is de kern van Colsons project. Niet zozeer reconstrueren hoe de Vespers exact geklonken hebben, iets wat uiteindelijk onmogelijk blijft, maar proberen te begrijpen hoe het geheel functioneerde. Antifonen, modaliteit, proporties, ruimte, orgelregistraties, transpositie en theologie vormen opnieuw één geheel. Geen reconstructie van een klank, maar van een interne logica.
Deze opname heeft mij de Vespers niet opnieuw leren kennen, maar wel opnieuw leren beluisteren. Na tientallen jaren, ontelbare uitvoeringen en een kast vol opnames is dat een zeldzame verdienste.
InAlto toert momenteel met dit programma. Mocht je de kans krijgen om hen live te horen, aarzel dan niet. Sommige cd's documenteren een uitvoering. Deze nodigt uit om de reis verder te zetten.