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Macht und Wahnsinn in Usher von Annelies Van Parys

J
· 4 Min. Lesezeit
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Macht und Wahnsinn in Usher von Annelies Van Parys

Annelies Van Parys' Kammeroper Usher (2018) ist ein psychologischer Thriller, der nachwirkt. Basierend auf Claude Debussys unvollendeter Opernvision entstand in Zusammenarbeit mit Drehbuchautorin Gaea Schoeters und Regisseur Philippe Quesne eine Produktion, die sich auf ein psychologisches, soziales Machtsspiel konzentriert.

Die Produktion wurde zum ersten Mal auf einer belgischen Bühne aufgeführt. Es ist ein gemeinsames Projekt von Opera Ballet Vlaanderen, Staatsoper Unter den Linden Berlin und Folkoperan Stockholm, in Zusammenarbeit mit Muziektheater Transparant und Nanterre-Amandiers centre dramatique national. Die Aufführung unter der Leitung von Dirigentin Marit Strindlund wächst aus Unruhe zu einem Szenario des Wahnsinns heran. Der Zuschauer wird dadurch direkt in den Niedergang des Hauses Usher verwickelt.

Roter Faden von Klangfarben

Usher hat eine reiche Vorgeschichte. Sie basiert auf Edgar Allan Poes Werk The Fall of the House of Usher. Der französische Komponist Claude Debussy (1862-1918) hat daraus Inspirationen für seine unvollendete Oper La Chute de la maison Usher (1908-1917) gewonnen.
Der Impressionismus von Debussy und der Spektralismus von Annelies Van Parys (°1975) sind jeweils das einzigartige Ergebnis der Suche des Komponisten nach einer eigenen Farbensprache in der Musik. Van Parys ist für ihre Behandlung von Klang „an sich" bekannt. Damit schafft sie eine Klangwelt, die auf Timbre und Klangfarbe basiert. Debussy suchte in Harmonie und Orchestration nach einer eigenen poetischen Sprache.

Beide Komponisten haben für sich selbst eine Klangausdrucksweise entwickelt, die auf der Suche nach Farbe und Erlebnis geht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade Van Parys die Geschichte von Debussys Usher mit ihrer eigenen musikalischen Sprache vervollständigen würde. Das Ergebnis ist eine Verschmelzung von Tönen, bei der es manchmal schwer zu erfassen ist, wo Debussy beginnt und Van Parys endet.

Machtsspiel zwischen Wahnsinn und Realität

In Usher verschmelzen Realität und Widersinn ineinander. Die Inszenierung ist surrealistisches Kino, das nicht weit vom Stil des Filmregisseurs David Lynch (Twin Peaks) entfernt ist. Ein Raum voller Fernsehbildschirme, die die bröckelnde Realität des Hauses zeigen. Schneeweiße Wände, auf denen Lady Madeline (Sopran Alexandra Büchel) – die Zwillingsschwester von Roderick Usher (Bariton Ivan Thirion) – serenity blutrot Hände übermalt. Von Anfang an ist klar, dass etwas nicht stimmt. Alles ist Unordnung im Haus Usher.

Eine seltene Stimme der Vernunft ist L'ami (Bariton Martin Gerke). Dieser steht in starkem Kontrast zu dem manipulativen Arzt (Le Médicin, gespielt von Tenor Daniel Arnaldos). Der Arzt nutzt den psychischen Zustand von Roderick und seiner Schwester als perverses politisch-soziales Experiment. Was sich während der Oper offenbart, ist ein Abstieg in den Wahnsinn, der von beiden Ushers als Vorbote besungen wird.

Klangfarben und musikalische Auferstehungen

Musikalisch ist die Linie zwischen Van Parys und Debussy sehr fein. Je mehr sich die Geschichte entfaltet, desto weiter scheint Debussys ätherischer Impressionismus zu verschwinden. An seine Stelle treten schwebende, spektralistische Klangsegmente. Diese sind am stärksten bei Rodericks ansteigendem Wahnsinn zu hören, ausgelöst durch den plötzlichen Tod seiner Schwester – nach Aussage des Arztes Folge des schwachsinnigen Hauses Usher. Das Ergebnis ist eine Klangpalette, in der Debussy und Van Parys sich manchmal abwechseln und dann wieder ineinander übergehen.

Darüber hinaus gibt es einige aussagekräftige Momentaufnahmen: die Lilien – das Symbol der Unschuld – in den Händen der verstorbenen Lady Madeline, der unsichtbare Geisterchor, die gregorianischen Motive, wenn Roderick von der unterirdischen Gruft spricht, und das pervers klingende Patterlied, wenn der Arzt sein politisches Machtsspiel dem Publikum offenbart. Van Parys spielt mit verschiedenen Motiven. Das eindrucksvollste Tableau ist Lady Madeline, die wie eine wahnsinnige Dido aus dem Tod auferstanden. Dabei zitiert sie fast wörtlich die Schlussworte von Henry Purcells Dido's Lament.

"Remember me, but ah! forget my fate" fasst schön zusammen, was letztlich vom verdammten Haus Usher übrigbleibt: eine surrealistisch schmerzhaften Erinnerung. Mit dieser Oper schafft Annelies Van Parys eine psychologische Momentaufnahme, bei der sie sowohl Debussy als auch ihre eigene Musikwelt zu ihrem Recht kommen lässt.


  • WAS: Annelies Van Parys: Usher (2018)
  • WER: Opera Ballet Vlaanderen
  • WANN: ab 27. Februar, Livestream verfügbar bis zwei Wochen nach der Premiere
  • PRODUKTION: Opera Ballet Vlaanderen (Koproduktion mit Staatsoper Unter den Linden Berlin und Folkoperan Stockholm) in Zusammenarbeit mit Muziektheater Transparant und Nanterre-Amandiers centre dramatique national, gesehen 27. Februar 2021
  • FOTOS: © Annemie Augustijns/ Opera Ballet Vlaanderen, © De Tijd
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