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Rezensionen

Eine große Nachtmusik Bremen: Topqualität folgt auf Topqualität

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· 5 Min. Lesezeit
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Eine große Nachtmusik Bremen: Topqualität folgt auf Topqualität
© Patric Leo, Hannes vor der Fecht

Bremen ist die Stadt der Musikanten, zumindest die berühmten vier aus dem Märchen, bei dem die ausrangierten Tiere, der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn schon „singend" Schurken verjagen und die Beute unter sich aufteilen und in der Räuberhöhle bleiben wohnen, wodurch sie nicht nach Bremen kommen. Die Musik dieser vier Tiere muss furchtbar geklungen haben! Brüllen, Bellen, Miauen und Krähen; ein Kakophon hat dagegen nichts. Zum Glück wurde das Zuhören danach ganz anders...

Bremen wollte nicht unter falschen Tönen leiden und so entstand 1989 auf Initiative des heutigen Intendanten Thomas Albert das inzwischen weltberühmte Musikfest Bremen, feierlich eröffnet am 15. August, Mariä Himmelfahrt, in dieser überwiegend protestantischen Stadt, in der zum Glück Lutheraner, Calvinisten und Katholiken zusammen mit Agnostikern und Atheisten und noch mehr in Frieden durch die Straßen spazieren und die Konzertsäle füllen. Unter dem Motto „Eine große Nachtmusik" feierte Bremen festlich den Start dieses enormen Festivals, das etwa einen Monat lang in der Stadt selbst und in der Umgebung dauert.

Zeremonie im „Rathaus" und meisterliche Konzerte

Die Organisatoren, großzügige Gönner und Sponsoren, politische Verantwortungsträger und die Presse wurden zu einem feinen Empfang im wunderschönen Rathaus von Bremen durch Bürgermeister Andreas Bovenschutte und Intendant Thomas Albert eingeladen. Ihre Begrüßungsworte trafen den richtigen Ton, wodurch gleich die richtige Stimmung aufkam und der Appetit nur noch stärker wurde, um viel Musik auf höchstem Niveau serviert zu bekommen und zu genießen.

Drei Konzerte von jeweils ± 45 Minuten konnten wir verfolgen. Die Qualität des einen war noch besser als die des anderen und wir geben hier einen Überblick über das Angebotene.

19 Uhr: Ensemble Matheus - Chœur de l'Académie Haendel Hendrix – Sopran Nina Spinosi – Alt Javiera Barrios - Dirigent Jean-Christophe Spinosi

Diese engagierten Musiker brachten unter der Leitung eines fast tanzenden Dirigenten im Dom ein weniger bekanntes und ein sehr bekanntes Werk von Antonio Vivaldi: das Laudate pueri Dominum RV 600 und das Gloria RV 589. Dieses Gloria war eine der ersten klassischen Musik, die der Unterzeichner als Kleinkind kennenlernte. Wie gut doch, musikalische Eltern zu haben… Das Orchester ist sublim, alles nach historischer Spielweise auf Originalinstrumenten. Wir können stolz sein, dass es seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt Ensembles gibt, Solisten, Aufnahmestudios, Säle, Lehrstühle, Verlage, Festivals und so weiter, die ihr musikalisches und kommerzielles Wohl und Wehe unserem eigenen Sigiswald Kuiken zu verdanken haben, der als Erster nach mehr als 200 Jahren wieder eine Violine ohne Kinnstütze spielte, genau wie er es sah und studierte auf Drucken, Gemälden, las in Texten. Die Welt kann Pionieren wie den Brüdern Kuiken und anderen Generationsgenossen, die in diese Wiederauferstehung der „alten Musik" hineingezogen wurden, nie genug dankbar sein. Wenn nur die flämische Regierung das auch täte, leider.

Es war reine Freude am Orchester und den zwei besonders guten Sängerinnen. Ein samtig warmer Sopran und ein Alt aus tausend mit einer Stimme zum Träumen. Weniger zu ihrem Recht kam der Chor. Das lag an der Aufstellung in einer sehr schwierigen Domkirche, die eigentlich keine Akustik hat. Wo ich saß, hörte man die Männer und es schien, als ob vielleicht nur ein paar Frauen im Chor mitsangen. Wer auf der Seite der Frauen saß, wird wohl die gegenteilige Erfahrung gemacht haben. Ein bisschen schade, aber in dieser Kirche geht es nicht anders.

20.30 Uhr Boston Early Music Festival Vocal & Chamber Ensembles geleitet von niemand Geringerem als dem Lautenist Paul O'Dette und Barockgitarrist Stephen Stubbs

Die nur wenige Schritte vom Dom und Rathaus entfernte Unsere-Lieber-Frauen-Kirche steht noch. Sie überstanden den donnernden Applaus nach 45 Minuten Monteverdi (1567-1643), die mit dem berühmten Zefiro Torna eingeleitet wurden. Dieses Ensemble ist so rein, so italienisch, obwohl es amerikanisch ist. Die Musiker verwandeln sich in die Menschen, die für Monteverdi persönlich seine Werke aufführten. Welche Qualität doch. Das kann man nicht verbessern. Aufnehmen, nicht mehr loslassen, sich erinnern und erneut hören, wenn man darüber spricht, liest… Ein Konzert, das bleibt, Musik für die Ewigkeit, Musiker, die unglaublich gut aufeinander eingespielt sind und wo jede Note spricht, ausdrückt, singt, lebt. Das ist grandios und so voller Feuer, Brio, Überzeugung und Geschmeidigkeit. Eine Stehende Ovation, das konnte nicht anders sein.

22 Uhr: Alena Baeva, Kyril Zlotnikov & Vadym Kholodenko mit Franz Schuberts (1797-1828) Klaviertrio Nr. 2 D929

Der große Ratssaal, historische Pracht, intakte Renaissance, die Kriege und allerlei Unglück überstanden hat, war aus bestem Holz geschnitzt – und es gibt Holzwerk zu bewundern – um Schubert erklingen zu lassen. Akustisch war es sehr gelungen, meiner Meinung nach sogar besser als der kleine Saal von Die Glocke, wo es sechs Tage lang war, die Beethoven-Streichquartette vom Quatuor Ebène zu hören.

Das war die Krönung des Ganzen, unumstritten. Selten hörte man Schubert so lyrisch, so durchdacht, so lieblich und so gequält, so angstvoll auch vor dem nahenden Tod und doch hoffnungsvoll der Schönheit dienend. Es war ergreifend, große Romantik in ihrer reinsten Form, in der sich die Musik erneut als höchste Kunstform bewies. Dies übertrafs alles und hätte noch viel länger andauern dürfen. Allein das Privileg, dies zu erleben, lohnte sich für die Reise nach Bremen. Hoffentlich hören wir diese drei Talente bald näher an der Haustür in unserem eigenen Land. Dass auch dieser Abend mit viel Beifall und einer stehenden, trampelnden Ovation endete, bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Solltest du die Gelegenheit haben, nächstes Jahr oder eines der kommenden Jahre dieses Festival zu besuchen? Mach es!

Details

Wer
1) Ensemble Matheus - Chœur de l’Académie Haendel Hendrix – sopraan Nina Spinosi – alt Javiera Barrios - dirigent Jean-Chirstophe Spinosi 2) Boston Early Music Festival Vocal & Chamber Ensembles geleid door luitist Paul O’Dette en barokgitarist Stephen Stubbs 3) Alena Baeva, Kyril Zlotnikov & Vadym
Wo
Musikfest Bremen, Duitsland
Gesehen am
15 August 2026
Bildnachweis
Patric Leo, Hannes vor der Fecht
Tags festival
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