Emanuel Gat ist ein gern gesehener Gast in deSingel und das zu Recht. Mit seiner Choreografie 'Act II & III or the Unexpected Return of Heaven and Earth', einer unwirklich schönen und faszinierenden Aufführung, stand er drei Tage hintereinander auf der Bühne des internationalen Kunstzentrums. Eine monumentale und pulsierende Aufführung: Musik, Tanz und Beleuchtung bilden ein geschlossenes, kohärentes Ganzes.
Mise en scène
Das Publikum sieht eine dunkle Bühne, über der ein großer eiserner Kreis hängt, und entlang der Côte cour vier hohe rechteckige Fenster.
Als Soundscape arbeitete Choreograf Emanuel Gat mit den beiden letzten Akten von Puccinis Tosca, dramatische gequälte Szenen. Er wählte eine Aufnahme aus dem Jahr 1965 mit der Diva Maria Callas in einer ihrer Glanzrollen, außerdem die Stimmen von Carlo Bergonzi (Cavaradossi) und Tito Gobbi (Scarpia). Eine Choreografie, die nicht versucht, das Dramaturgische zu illustrieren. Der Rhythmus der Musik ist die Quelle der Bewegung, nicht der Inhalt. Die Tanzsprache ist abstrakt und doch auch wieder nicht.
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© JG[/caption]
Emanuel Gat zerteilte den zweiten Akt in elf Teile, so dass seine elf Tänzer jeweils einen einzigartigen Solo aufführen konnten. Auf den zeitlosen Wellen der vokalen/instrumentalen Musik erhalten sie die Freiheit, ihre individuelle Tanzsprache auszuführen. In diffusem Licht treten die Tänzer einer nach dem anderen nackt auf die Bühne. Es ist jedoch nie schockierend. Durch die seitliche Lichteinfall entstehen scharf abgegrenzte Silhouetten und eine schöne Konturierung der sehnigen Körper. Im dunklen Raum wirken die Körper schraffiert, durch die Bewegung entstehen helle und dunkle Flächen. Die Hell-Dunkel-Kontraste rufen Bilder von Caravaggio auf. Die Bewegungssprache ist flüssig und flexibel in einer Multidimensionalität. Es gibt viel Bodenarbeit zu sehen, manchmal eingefrorene Posen. In anderen Bewegungen steckt etwas Tierisches. Musik ist eine schwer zu erklärende Kraft, die Ausführende und Publikum in ein hypnotisierendes Universum mitnimmt. Die Solos von Männern und Frauen reihen sich wie eine Schnur aneinander in ständig wechselnden Fächern von Klängen, Formen und technischer Raffinesse.
Aufspaltung
Während die Solisten aus der Dunkelheit erschienen und wieder darin verschwanden, verlässt der letzte Solist die Bühne in einem warmen Lichtstahl. Dies eröffnet eine neue Perspektive. Alle einzelnen Stücke werden im zweiten Teil zusammengeklebt. Das Reine und Authentische der Solos wird in Gruppenarbeit in verschiedenen faszinierenden Konfigurationen transponiert. Einer nach dem anderen kommen die Tänzer, diesmal gekleidet, auf die Bühne. Die Männer in einer dunklen Hose und nacktem Oberkörper, die Frauen in einem fließend fallenden blauen Kleid. Sie platzen auf die Bühne wie aus dem Mutterleib vertrieben, die Vulva.
Die Choreografie entfaltet sich in einem harmonischen Zusammenspiel in einer Vielzahl von Ausdrücken, die kleinsten Details zählen. Neben Individualität ist es auch ein Fest der Zusammengehörigkeit. Der Schwerpunkt verlagert sich von Solos zu Gruppenarbeit, Trios und Duetten mit einem besonders schönen, langsam ausgesponnenen und zarten Duett zwischen zwei Männern.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt erstarrt die Aktion. Die Tänzer setzen sich hin oder entspannen sich stehend miteinander. Ein besonders kluges Lichtdesign: golden und intensiv bei warmen Szenen und weiß, kühl und kalt, wenn die Stimmung eine neue Phase ankündigt. Die Harmonie muss einer zersplitterten Gesellschaft weichen. Es gibt ein nettes Rauferei. Zunächst verspielt, aber dann wird es grimmiger. Ein böser Kampf folgt. Die Protagonisten zerren sich über die Bühne. In einem sowohl musikalisch als auch bildlich beeindruckenden Schlussakkord endet die Aufführung.
'Act II & III or the Unexpected Return of Heaven and Earth', eine faszinierende atemraubende Performance zur dramatischen, pulsierenden Musik von Puccini. Die kreative Kraft von Emanuel Gat beeindruckt.
- WAS: Act II & III or the Unexpected Return of Heaven and Earth
- WER: Emanuel Gat Dance
- WO: deSingel - Antwerpen
- WANN: Freitag 11. November '22